|
Start
über uns
aktuelle Ausgabe
Vorschau
Universitasonline
kinderUNIVERSITAS
Archiv
Newsletter
bestellen
Töne
Links
Kontakt
|
|
UNIVERSITAS - CD-Tipps
Klassik I Jazz/Blues I Weltmusik I Pop/Rock/Roots I DVDs I Konzerte
Klassik
A B
C D E
F G H
I J K
L M N
O P Q
R S T
U V W
B
| Ludwig van Beethoven: Sinfonien
1-9, 5 CD-Box (EMI)
Ludwig van Beethoven: Sinfonien
1-9, 5 Einzel-CDs (hänssler classic)
|
  |
|
Ob jedes Orchester von einigem Rang unbedingt mit mindestens
einem Gesamtzyklus der Sinfonien Beethovens auf dem Tonträgermarkt
präsent sein muss, um seinen künstlerischen Standard
zu dokumentieren, ist angesichts der katastrophalen ökonomischen
Lage, in der sich sowohl Plattenfirmen wie Einzelhandel befinden,
mehr als fragwürdig. Und doch geschieht eben dies. Zur Zeit
stehen gut zwei Dutzend teils ältere, teils neuere und neueste
Einspielungen der Beethoven-Sinfonien zur Auswahl.
Nachdem erst kürzlich David Zinman mit dem Tonhalle Orchester
Zürich bei Arte Nova eine von Kritik und Publikum gleichermaßen
hochgepriesene Einspielung der Beethoven’schen Sinfonien
vorgelegt hat, wetteifern jetzt zwei weitere Produktionen um die
Käufergunst: Sir Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern
(bei EMI) und Sir Roger Norrington mit dem Radio-Sinfonieorchester
Stuttgart (bei hänssler classic). In beiden Fällen handelt
es sich um Live-Mitschnitte: Rattle konzertierte im Rahmen der
Wiener Festwochen 2002 mit den Philharmonikern im Goldenen Saal
des Wiener Musikvereins und Norrington anlässlich des Europäischen
Musikfestes 2002 in der Stuttgarter Liederhalle. Während
die Rattle-Box in elegant-üppiger Ausstattung sozusagen „gehobene
Konsumentenschichten" anzusprechen sucht, geben sich die
Einspielungen Norringtons bescheidener: Sie sind auf fünf
CDs einzeln erhältlich.
Obwohl beide Neuproduktionen auf der im Jahre 2000 vollendeten
wissenschaftlichen Notenausgabe von Jonathan del Mar bei Bärenreiter
basieren, unterscheiden sich die Interpretationen Rattles und
Norringtons in weiten Teilen grundlegend voneinander. Während
Rattle den musikalischen Fluss teils beträchtlich verlangsamt,
teils ungewöhnlich be- schleunigt, was den Eindruck einer
gewissen Unausgewogenheit hervorruft, bleibt Norringtons Wiedergabe
durchgängig stringent und überzeugt eben dadurch. Gewiss
kann das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart trotz seines auch international
hohen künstlerischen Stellenwertes es klanglich nicht mit
den Wiener Philharmonikern aufnehmen. Wer wollte darüber
streiten? Aber in der Bewertung der interpretatorischen Leistung
liegt Norringtons Beethoven eindeutig vor dem Rattles.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
C
D
E
F
G
| Sofia Gubaidulina: Johannes-Passion.
2 CD-Box (hännsler classic) )
|
 |
|
Seit zwei Jahrzehnten gehört die 1931 in Tschistopol an
der Wolga in der Tatarischen Republik geborene Sofia Gubaidulina
mit Alfred Schnittke und Edison Denissow zu den führenden,
weltweit anerkannten Komponisten Russlands der Ära nach Schostakowitsch.
Alle drei werden von der gegenwärtigen russischen Musikgeschichtsschreibung
als die Vertreter der einheimischen Avantgarde ausgewiesen. Dennoch
unterscheidet sich das Œuvre Gubaidulinas von dem ihrer vor
kurzem verstorbenen Weggefährten in vieler Hinsicht. Ihre
überwiegend religiös, zumindest spirituell geprägten
Werke, in denen sie neue Klangmuster erprobt, mit Formen und Strukturen
experimentiert und ungewöhnliche Verbindungen zwischen textlichem
und musikalischem Material herstellt, zeichnen sich durch unbeirr-bare
Eigenständigkeit aus. Eines der jüngsten Werke, die
während des Europäischen Musikfestes 2000 in Stuttgart
vom St. Petersburger Kammerchor und dem Chor des Mariinsky-Theaters
St. Petersburg unter Valery Gergiew uraufgeführte „Johannes-Passion",
zeigt das besonders deutlich.
Die Johannes-Passion für Soli, zwei Chöre, Orgel und
Orchester nimmt unter den inzwischen beträchtlich angewachsenen
„Vertonungen" dieses Textes eine herausragende Stellung
ein. Um der Berichterstattung des Johannes eine „absolut
außerzeitliche Konzeption" gegenüberzustellen,
verbindet Gubaidulina das Evangelium mit der Vision des Hellsehers
Johannes vom Jüngsten Gericht. „Die lang ausgehaltenen
Töne eines Instruments werden von Glissando-Klängen
eines anderen durchkreuzt; die Schnittpunkte werden jedes Mal
akzentuiert"(Gubaidulina). So entsteht eine Art „Responsorium",
in dem die Episoden der Johannes-Passion die Rolle der Fragen
spielen, während die Rolle der Reaktionen auf die Fragen
von den Abschnitten der Apokalypse übernommen wird. In Russisch
abgefasst, ist die Komposition vor allem als persönliches
Bekenntnis zu verstehen. „Ich liebe Jesus so, wie ihn Johannes
sieht. Die Kluft zwischen den Konfessionen macht mich traurig,
das Urchristentum war anders gestimmt. Jesus lebt in unseren Herzen
und nicht im Dogma. So habe ich mich entschlossen, ein überkonfessionelles
Werk zu schreiben. Als Künstlerin bin ich nur mir selbst
verantwortlich, da ist es nur von Wichtigkeit, mir selbst treu
zu sein."
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
H
| Paul Hindemith: Die Harmonie der
Welt. WER 6652 2 (3-CD-Box)
|
 |
|
Als Paul Hindemiths Kepler-Oper „Die Harmonie der Welt"
am 11. August 1957 im Münchner Prinzregententheater in der
Regie von Rudolf Hartmann und unter der musikalischen Leitung
des Komponisten zur Uraufführung gelangte, war dies ein Kultur-
und Medienereignis, das sich am ehesten mit der Premiere einer
neuen „Ring"-Inszenierung in den damaligen großen
Tagen Bayreuths vergleichen ließ. Mit über 150 Kritikern
war die gesamte Weltpresse vertreten. Und auch die Star-Dirigenten
Böhm, Karajan, Kempe und Mitropoulos saßen im Parkett.
Von allen Sendern der Bundesrepublik sowie von den Rundfunkanstalten
in England, Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei und bemerkenswerterweise
sogar der DDR wurde die Aufführung übertragen. Am Schluss
stand Paul Hindemith im Mittelpunkt stürmischer Ovationen.
Im Gegensatz dazu war die Reaktion der Presse skeptisch bis verletzend
herablassend. „Das Sujet der Oper und Hindemiths Intentionen
wurden vollständig verkannt", bemerkt denn auch der
Hindemith-Kenner Giselher Schubert im Rückblick. In einer
Zeit, da alle Hoffnungen auf die Schaffung einer „Harmonie
der Welt" in den Fortschritten der zeitgenössischen
Wissenschaft kulminierten, war die Infragestellung eines harmonikalen
Lebens- und Weltentwurfs, wie ihn Hindemiths anspruchsvolles Sujet
beinhaltet, nicht geboten. Infolgedessen teilt diese Oper das
Schicksal mit einer Reihe anderer, „ideengeschichtlich"
umstrittener, weil sich gegen ihre Zeit stellende Musikwerke des
20. Jahrhunderts, etwa Pfitzners „Palestrina", Kreneks
Karl V. oder Messiaens „Saint François d'Assise".
Jetzt hat das Label Wergo im Rahmen seiner großen Hindemith-Edition
– und gleichsam als Höhepunkt seines im Herbst 2002
begangenen 40-jährigen Jubiläums – die erste komplette
Einspielung dieser Oper in einer 3-CD-Box mit knapp gefasstem,
aber informativen Werkkommentar und dreisprachigem Libretto herausgebracht.
Wesentlich initiiert vom Dirigenten der Produktion, Marek Janowski,
stehen außer dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor
Berlin namhafte Solisten für eine künstlerisch hochrangige
Aufnahme. So bietet sich nun die Möglichkeit, Hindemiths
Meisterwerk – und damit eines der zentralen Werke des Musiktheaters
des 20. Jahrhunderts – in einer fulminanten, sowohl im Orchestralen
wie im Solistischen exzellent durchhörbaren Einspielung kennen
zu lernen. Bliebe nur noch zu wünschen, dass diese Produktion
möglichst viele Opernchefs dazu anregen möge, Hindemiths
„Harmonie der Welt" auf ihre Spielpläne zu setzen
und diesem Werk endlich jenen Rang zuzubilligen, der ihm gebührt.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
I
J
K
|
Herbert Kegel: Legendary recordings. 15-CD-Box. (edel Classics)
Otmar Suitner: 80th Anniversary Special Edition. 11-CD-Box. (edel
Classics)
|
  |
|
Es scheint, als würden die Namen vieler führender Dirigenten
der DDR erst jetzt ins Bewusstsein einer breiteren musikinteressierten
Öffentlichkeit in den Alt-Bundesländern treten. Zwar hatten
Größen wie Franz Konwitschny, Kurt Sanderling, Herbert
Kegel oder der Österreicher Otmar Suitner immer wieder Gelegenheit,
mit ihren Orchestern im Westen zu gastieren, aber sie wurden keine
wirklichen „Publikumsbegriffe".
Dank der Aktivitäten von edel Classics sind jetzt die wichtigsten
Aufnahmen der genannten „DDR-Stars" allgemein zugänglich.
Nach zwei Boxen mit Einspielungen von Franz Konwitschny und einer
16 CDs umfassenden Box mit Aufnahmen Kurt Sanderlings werden nun
Sammlungen von Herbert Kegel (15 CDs) und Otmar Suitner (11 CDs)
präsentiert.
Der Dresdner Herbert Kegel (1920 bis 1990), unter anderem Schüler
von Boris Blacher (Komposition) und Karl Böhm (Orchesterleitung),
wurde 1953 Dirigent des Großen Rundfunkorchesters Leipzig,
1958 Generalmusikdirektor und 1960 Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters
Leipzig. 1977 berief man ihn zum Chefdirigenten der Dresdner Philharmoniker.
Kegel lag vor allem die unter den kulturpolitischen Bedingungen
der DDR nicht risikofreie Pflege zeitgenössischer Musik am
Herzen: Berg, Schostakowitsch, Nono, Henze und Penderecki verdanken
ihm hervorragende Aufführungen ihrer Werke. Was die Komponisten
der DDR anbelangt, widmete er sich insbesondere dem Schaffen von
Eisler, Wagner-Régeny, Schenker und Dessau. Herausragend
waren seine Einspielungen von Dessaus „Die Verurteilung des
Lukullus" und Schönbergs „Moses und Aron".
Die Ke- gel-Box enthält darüber hinaus
Werke von Bartók, Berlioz, Britten, Goldmann, Hindemith,
Mahler, Meyer, Mussorgsky, Orff, Prokofiev, Sibelius, Strawinsky,
Vivaldi und Webern. Es spielen das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig,
das Rundfunk-Kammerorchester Leipzig sowie die Dresdner Philharmonie.
Außerdem wirken mit: der Rundfunkkinderchor Leipzig, der Rundfunkchor
Leipzig, die Dresdner Kapellknaben, der Rundfunkchor Berlin, der
Prager Männerchor und verschiedene Gesangs- und Instrumentalsolisten.
Alles in allem dokumentieren die zwischen 1960 und 1989 erfolgten
Einspielungen einen nahezu durchweg außergewöhnlich hohen
künstlerischen Standard.
Diese Beurteilung gilt auch für die „80th Anniversary
Special Edition" Otmar Suitners. Der gebürtige Österreicher
Suitner verdankt seine Ausbildung zum Dirigenten dem Richard-Strauss-Spezialisten
Clemens Krauss am Mozarteum in Salzburg. Er avancierte ebenfalls
bald zu einem exzellenten Strauss- und Wagner-Experten. 1960 ging
er in die DDR und übernahm die traditionsreiche Dresdner Staatskapelle
als Chefdirigent. Schon zwei Jahre später wechselte er als
Generalmusikdirektor an die Berliner Staatsoper, an der er wahre
Triumphe feiern konnte. Neben dem traditionellen österrei-chisch-deutschen
Repertoire setzte sich Suitner auch für „Heikles"
ein, etwa Marschners „Hans Heiling" oder Pfitzners „Palestrina".
Die Suitner-Box umfasst Einspielungen von Werken Bruckners, Dvoráks,
Hindemiths, Humperdincks, Mozarts, Pfitzners, Strauss‘, Tschaikowskys,
Volkmanns, Webers und Wolfs, ausgeführt von der Staatskapelle
Dresden, dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig, dem Gewandhausorchester
Leipzig, der Staatskapelle Berlin, Mitgliedern des Dresdner Kreuzchors
und prominenten Gesangssolisten wie Theo Adam und Peter Schreier.
Dass Otmar Suitners interpretatorische Leistungen über drei
Jahrzehnte – die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1964 bis
1990 – durch die DDR-Firma Eterna/VEB Deutsche Schallplatten
so intensiv begleitet wurden, darf als ein ausgesprochener Glücksfall
bezeichnet werden.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
| Giya Kancheli: „Symphonies
No. 1 bis 7", Tbilisi Symphony Orchestra. Dirigent: Djansug
Kakhidze. Beaux/Mazur Media (4CDs)
|
 |
 |
„Aus Musik entsteht Stille und zuweilen wird die Stille
selbst zur Musik. Eine solche Stille zu erreichen, ist mein Traum",
formuliert der georgische Komponist Giya Kancheli sein künstlerisches
Credo. Die Stille ist das tragende Moment in Kanchelis Werk, insbesondere
in seinen sieben Sinfonien, die im Zeitraum von 1967 bis 1985
entstanden und das Herzstück seines Schaffens bilden. Aus
der Stille erhebt sich der Klang, langsam, fast statisch, gleichsam
einem geheimnisvollen Ritual folgend. Es ist das Klangbild der
Welt, das aus der Stille geboren wird. Der vor kurzem verstorbene
russische Komponist
Alfred Schnittke schrieb 1983 zur Schallplatteneinspielung der
Dritten und Sechsten Sinfonie bei dem sow-jetischen Label Melodija:
„Kanchelis Sinfonien lassen uns in relativ kurzer Zeit ein
ganzes Leben, ja eine ganze Geschichtsepoche durchleben. Doch
dabei spüren wir nicht die Stöße der Zeit, sondern
sitzen gleichsam in einem Flugzeug, ohne die Geschwindigkeit wahrzunehmen,
und schweben über dem musikalischen Raum, das heißt
über der Zeit."
Kancheli verbindet in seiner Musik die jahrhundertealten Traditionen
der georgischen Volksmusik mit Elementen moderner westlicher Kunstmusik,
was ihm seinerzeit von der sowjetischen Kulturbürokratie
die Be- schimpfung als „eklektischer Allesverwerter"
eintrug. Tatsächlich aber hat Kancheli aus der Kollision
von Stilen der Vergangenheit und Gegenwart ein individuelles,
eigenständiges Konzept entwickelt. Die Besonderheit der mehrstimmigen
Gesänge Geor-giens, deren „geheimnisvoller Geist"
Kancheli fasziniert, liegt darin, dass zwei gegensätzliche
musikalische Prinzipien miteinander verbunden sind, die Entfaltung
modaler Melodien in der horizontalen Ebene und die Koordination
mehrerer Stimmen in der vertikalen Ebene. Auf dieser Komplexität
baute Kancheli sein kompositorisches Konzept auf, das im Laufe
der Jahre zu immer größerer Einfachheit führte.
„Von Werk zu Werk", so erläutert er, „wird
meine Musiksprache einfacher."
1935 in Tiflis als Sohn eines Chirurgen geboren, wandte sich Kancheli
zunächst der Geologie zu, ehe er von 1959 bis 1963 am Konservatorium
von Tiflis unter Ilja Tuskija Komposition studierte. Er sammelte
Erfahrungen als Filmmusiker und schloss sich modernen Theaterkünstlern
an. Ab 1966 arbeitete er mit Robert Sturua, dem Chefregisseur
am Rustaweli-Theater in Tiflis, zusammen, zu dessen berühmten
Shakespeare-Inszenierungen er die Bühnenmusik schrieb. Während
der von Chruschtschow eingeleiteten kurzlebigen „Tauwetterperiode"
bildete sich in Georgien eine progressive Künstlerbewegung,
der sich auch Giya Kancheli und der Dirigent Djansug Kakhidze
anschlossen. Für Kancheli brachte seine enge, bis in die
Kindheit zurückreichende Freundschaft mit Kakhidze in gewissem
Sinne den künstlerischen Durchbruch. „Ohne Kakhidze
an meiner Seite wäre ich sicherlich ein anderer Komponist
geworden", bekannte Kancheli einmal und erzählte, dass
er sich, wenn er komponiere, immer vorstelle, wie das Werk unter
Kakhidzes Händen klingen würde. Bereits die Erste Sinfonie
aus dem Jahr 1967 schrieb er in dem Bewusstsein, dass Kakhidze
die Uraufführung dirigieren werde. Seither wurde ein großer
Teil seiner Kompositionen, einschließlich der Oper „Musik
für die Lebenden" aus dem Jahr 1984, von Kakhidze geleitet.
Die ersten Aufnahmen von Kanchelis sinfonischem Werk erfolgten
vor beinahe drei Jahrzehnten für die Tifliser Abteilung der
sowjetischen Schallplattenfirma Melodija mit dem georgischen Staatsorchester.
Die jetzt vorliegenden Aufnahmen, bei denen ebenfalls Djansug
Kakhidze am Pult stand, wurden mit dem Tifliser Sinfonieorchester
in den neunziger Jahren eingespielt. Es handelt sich um eine künstlerisch
exzellente und – trotz der aufgrund des damals herrschenden
Bürgerkrieges überaus schwierigen Produktionsbedingungen
– aufnahmetechnisch durchweg hoch zu rühmende Wiedergabe
aller Sinfonien des inzwischen längst im Westen wirkenden
Georgiers.
Ruth Renée Reif, UNIVERSITAS
.
|
| |
L
| Franz Liszt: Piano Music, 19 CDs
(Naxos)
|
 |
 |
Lange Zeit wurde dem überaus reichen und vielfältigen
kompositorischen Schaffen von Franz Liszt (1811–1886) nur
geringe Aufmerksamkeit zuteil. Selten standen seine Sinfonien
auf den Konzertprogrammen, noch seltener fanden Aufführungen
seiner Messen und Oratorien statt. Auch der Plattenmarkt bot wenig
Liszt, abgesehen von Aufnahmen so populärer Werke wie der
„Faust"- und der „Dante"-Sinfonie oder von
„Les Préludes". Liszt beherrschte das musikhistorische
Gedächtnis vor allem als „Legende des 19. Jahrhunderts":
Sowohl seine Virtuosität als Pianist – nie zuvor war
einem Interpreten so glühende Verehrung entgegengebracht
worden, bei seinen Konzerten spielten sich fanatische Szenen ab
- wie auch sein elegantes Aussehen und die Brillanz seiner Persönlichkeit
hatten ihn zum Abgott des europäischen Konzert-publikums
werden lassen. Nicht unwesentlich zur Mythologisierung Liszts
trug schließlich seine familiäre Beziehung zu Richard
Wagner bei: Liszts Tochter Cosima, die Frau des Dirigenten Hans
von Bülow, war die zweite Frau Wagners.
Inzwischen hat sich das Bild der Rezeption Liszts völlig
gewandelt. Zumindest die Schallplattenindustrie setzt alles daran,
einem breiteren Publikum neben einer Vielzahl von Einspielungen
einzelner Stücke den „gesamten Liszt" zugänglich
zu machen – und dies in guten bis herausragenden Aufnahmen.
Schon seit geraumer Zeit widmet sich das Label Naxos der Einspielung
des gesamten Klavierwerks von Liszt. Das bislang auf 19 CD-Veröffentlichungen
angewachsene Unternehmen mag, unter rein kommerziellen Aspekten
betrachtet, geradezu tollkühn erscheinen, vom Standpunkt
der Rezeption jedoch kann es gar nicht hoch genug gewürdigt
werden.
Naxos war zweifellos gut beraten, die Einspielung von Liszts gesamtem
Klavierwerk nicht nur einem Pianisten anzuvertrauen, was bei dem
Umfang des Projekts letztlich die Gefahr eines einseitigen Werkzugangs
und Interpretationsstils mit sich gebracht hätte. So teilen
sich denn neun renommierte Künstler – Arnoldo Cohen,
Jenö Jandó, Philip Thomson, Oxana Yablonskaya, Joseph
Banowetz, Kemal Gekic, Valerie Tryon, Konstantin Scherbakow und
Yung Wook Yoo – die Aufgabe, Liszts in seiner Fülle
überwältigendes, in seiner musikalischen Qualität
höchst unterschiedliches Klavierschaffen erstmals vollständig
zu erschließen, selbstverständlich unter Einbeziehung
seiner vielen Klaviertranskriptionen von Opern und Sinfonien.
Dass allen Pianisten eine Affinität zum Werk Liszts gemeinsam
ist, versteht sich bei einem solchen Unternehmen von selbst. Dennoch
treten die individuellen, fraglos auch temperamentbedingten Unterschiede
der einzelnen Künstler bei ihrer Auseinandersetzung mit Liszt
deutlich in Erscheinung. So wird ein Spannungsfeld erzeugt, wie
es im Fall der Interpretation durch nur einen
Pianisten nie erreicht werden könnte.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
M
| Gustav Mahler: Sinfonien 1, 2,
3, 4, 6, 7, 8 (hänssler classic)
|
 |
|
Zu den künstlerisch
herausragenden Gesamtaufnahmen der Sinfonien
Gustav Mahlers, wie sie etwa von George Solti, Rafael Kubelik, Eliahu
Inbal, Lorin Maazel und anderen Pultstars vorliegen, entwickelt
sich auch die zur Zeit im Entstehen begriffene Gesamteinspielung
von Michael Gielen mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und
Freiburg. Obwohl die 5. und 9. Sinfonie vorläufig noch ausstehen
–, der Zyklus soll nach Angaben des Labels im Frühjahr
2004 komplettiert sein –, scheint es nicht verfrüht,
schon jetzt von einem neuen Höhepunkt der Mahler-Interpretation
zu sprechen. Michael Gielen, dem genialen Vermittler zwischen den
musikalischen Welten des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der Moderne,
ist mit den bereits im Handel erhältlichen sieben Sinfonien
eine durchweg überzeugende und zum Teil ergreifende Gestaltung
des Mahler‘schen Universums gelungen. Gielen lotet mit dem
glänzend musizierenden SWR-Sinfonieorchester alle Facetten
der Mahler’schen Partituren aus, und das von ihm heraufbeschworene
Spektrum üppiger Klangfarben stellt in seinem Kontrastreichtum
und seiner makellosen Durchhörbarkeit eine Glanzleistung besonderer
Art dar. Dass Mahler noch bis vor wenigen Jahrzehnten weithin der
Ruf anhaftete, ein „Saalleerer" zu sein – dieser
Tatbestand ist angesichts der Einspielung von Michael Gielen nicht
mehr nach-
vollziehbar.
Irritierend an dieser Edition ist allerdings die Koppelung der überwiegenden
Zahl der Mahler-Sinfonien mit ebenfalls von Michael Gielen und dem
SWR-Sinfonieorchester eingespielten Werken anderer Komponisten:
So der 1. Sinfonie mit „Central Park in the Dark" und
„The Unanswered Question" von Charles Ives, der
3. Sinfonie mit Franz Schuberts „Rosamunde" und Anton
Weberns „Sechs Stücke für Orchester" oder der
4. Sinfonie mit Franz Schrekers „Vorspiel zu einem Drama".
Das mag zwar Gielens schon erwähnter Funktion als Vermittler
zwischen verschiedenen Traditionen und Schulen entsprechen, trägt
aber letztlich zur Zerstückelung dieser Mahler-Einspielungen
bei. Von daher sollte man bei hänssler classic Überlegungen
anstellen, ob es nicht zielführender wäre, Gielens grandiose
Mahler-
Interpretation nach ihrem Abschluss in einer ausschließlich
ihr vorbehaltenen Box herauszubringen.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
N
O
| Jacques Offenbach: Les Fées
du Rhin. Die Rheinnixen, 3-CD-Box (Accord/Universal)
|
 |
|
Kaum ein Opernführer findet Jacques Offenbachs
Meisterwerk „Les Fées du Rhin" auch nur der Erwähnung,
geschweige denn einer Darstellung seines Inhalts und seiner musikalischen
Bedeutung wert. Und doch gehört diese „romantische Oper
in vier Akten", deren Uraufführung 1864 unter dem Titel
„Die Rheinnixen" an der Wiener Hofoper stattfand –
allerdings in einer zerstückelten, dreiaktigen, um etwa eine
Stunde Musik gekürzten Fassung –, zu den wich-tigsten
Werken nicht nur Offenbachs, sondern, wie sich erst heute erweist,
der Opernliteratur des 19. Jahrhunderts überhaupt. Dass die
Wiener Uraufführung zu einem Misserfolg geriet, ist einmal
den durch die vorgenommenen Kürzungen verursachten dramaturgischen
Schwächen des Stückes geschuldet, zum anderen aber auch
der massiven Kritik der Wagnerianer an Offenbach. Vor dem Hintergrund
des sich in Deutschland zunehmend verschärfenden Antisemitismus
war für sie der Jude Offenbach als Komponist deutscher romantischer
Opern untragbar. Hinzu kommt, dass „Die Rheinnixen" in
ihrer pazifistischen Grundtendenz in schärfstem Widerspruch
zum militaristisch-kriegerischen Zeitgeist standen, wie er damals
in Deutschland herrschte. „Dieses Libretto erscheint tatsächlich
als ein großer pazifistischer Hymnus, in dem die Liebe über
den Krieg triumphiert und Vaterland und Heimatliebe in einem kulturellen
Sinn, frei von jeglichem Chauvinismus, gefeiert und gelebt werden",
kommentiert denn auch Jean-Christophe Keck, der Herausgeber der
Offenbach Edition Keck (OEK) 2002. Nach dem Wiener Misserfolg der
„Rheinnixen" beschäftigte sich Offenbach, abgelenkt
vom Riesenerfolg seiner „Schönen Helena" (ebenfalls
1864) und zahlreichen Aufträgen verschiedener Theater nicht
mehr weiter mit diesem Werk. Aber einzelne Stücke daraus wurden
von ihm anderswo verwendet und zu Welterfolgen: So gingen etwa die
„Glockenromanze" in seinen „Fantasio" (1872)
und das „Elfenlied" als „Barcarole" in „Hoffmanns
Erzählungen" (1881) ein.
Seit der Wiener Uraufführung nicht mehr gespielt, waren „Die
Rheinnixen" zum „Opernmythos" geworden. Dem von
verschiedenen Häusern geäußerten Wunsch, das Werk
endlich in verantwortungsbewusster Inszenierung auf die Bühne
zu bringen, stand das Nichtvorhandensein einer schlüssigen
Edition entgegen: Viele wichtige Quellen waren in alle Winde verstreut.
Während mehrerer Jahre gingen unter der Leitung von Jean-Christophe
Keck Musikexperten auf beinahe archäologische Weise vor, die
verschiedenen Teile des autographen Manuskripts (der Orchesterpartitur)
in der ganzen Welt zusammenzutragen. Wichtige Dokumente fanden sich
aber auch in Privatbesitz. Auf diese Weise gelang es, die komplette
Oper auf der Grundlage eines von Offenbach selbst redigierten Klavierauszuges
sowie des französischen und deutschen Librettos zu rekonstruieren.
Am 30. Juli 2002 fand die konzertante Uraufführung der originalen
deutschen vieraktigen Fassung nunmehr unter dem richtigen Titel
„Les Fées du Rhin" beim Festival de Radio France
in Montpellier statt. Die Besetzung mit Regina Schörg (Sopran),
Nora Gubisch (Mezzosopran), Piotr Beczala (Tenor), Dalibor Jenis
(Bariton), Peter Klaveness (Bassbariton), Uwe Pepper (Tenor) und
Gaele Le Roi (Sopran) sowie dem Orchestre National de Montpellier
L.R. und dem Choeur de la Radio Lettone unter der Stabführung
von Friedeman Layer war exzellent und der Erfolg bei Pub-likum und
Kritik hätte grandioser nicht ausfallen können. „...
eine musikgeschichtlich einzigartige Schöpfung...", vermerkte
die Zeitschrift "Das Opernglas". Und „Opera International"
schrieb: „Nun bleibt nur zu hoffen, dass diese gelungene Ausgrabung...
nicht ohne Zukunft bleiben wird. Welches Theater wird es wagen,
diese große, mit Kultur und musikalischen Eingebungen übervolle
romantische Oper auf die Bühne zu bringen?" Bis es so
weit ist, müssen wir uns mit dem technisch brillanten Mitschnitt
dieser sowohl musikhistorisch wie künstlerisch einzigartigen
Offenbachiade aus Montpellier auf Compact Disc begnügen.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
P
Q
R
| Joaquín Rodrigo: Complete
Orchestral works 1–6 (Naxos)
|
 |
|
Im Unterschied zu seinem Nachbarland Frankreich fällt der
Beitrag Spaniens zur Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts recht
bescheiden aus. Neben Manuel de Falla (1876–1946), dem Schöpfer
von „Der Dreispitz", „Der Liebeszauber"
und der berühmten „Nächte in spanischen Gärten",
hat sich nur mehr Joaquín Rodrigo (1901–1999) dauerhaft
durchzusetzen vermocht. Sein nach dem Spanischen Bürgerkrieg
uraufgeführtes „Concierto de Aranjuez" gehört
seit langem weltweit zu den beliebtesten und meistgespielten Kompositionen
des letzten Jahrhunderts.
Geboren in Sagunto (Provinz Valencia), erkrankte Rodrigo als Vierjähriger
an Diphtherie, und infolge dieser Infektion verlor er sein Augenlicht.
Es war wohl dieses Unglück, das ihm den Weg zur Musik eröffnete.
1906 übersiedelte die Familie nach Valencia, wo Joaquín
die Blindenschule besuchte und seinen ersten Musikunterricht erhielt.
1917–1922 war er Kompositionsschüler von Francisco
Antich am Konservatorium von Valencia. Schon zwei Jahre später
erlebten seine „Juglares" (Gaukler) für Orchester
ihre Uraufführung. Um diese Zeit war Rodrigo bereits mit
dem Kreis avantgardistischer Komponisten in Madrid in Berührung
gekommen. Doch nachdem er seine Hoffnungen auf den Nationalen
Musikpreis 1925 enttäuscht sah, ging er nach Paris, um bei
Paul Dukas zu studieren. Zu Zeiten des Franco-Re-
gimes waren Rodrigos Werke – neben denen des legendären
Manuel de Falla – die einzigen Botschafter der spanischen
Musik in der Welt – zumindest bis zum Erscheinen der innovativen
Generation der fünfziger Jahre. Neben dem „Concierto
de Aranjuez" und dem „Concierto Andaluz" gehören
insbesondere sein „Piano Concerto", sein „Concierto
Madrigal" und die „Cinco Piezas Infantiles" zu
Rodrigos am häufigsten aufgeführten Werken. Seine internationale
Bekanntheit erreichte 1958 ihren Höhepunkt, als in San Francisco
die „Fantasía para un gentilhombre" uraufgeführt
wurde. Nach 1964 war ein allmähliches Nachlassen seiner kompositorischen
Produktivität festzustellen. Zudem meldete eine neue spanische
Komponistengeneration ihre Ansprüche an. Seine letzte bedeutende
Komposition schrieb Rodrigo, der 1992 starb, 1982 mit dem „Concierto
para una fiesta".
Ungeachtet seiner großen musikalischen Bedeutung war Rodrigos
Schaffen auf dem hiesigen Plattenmarkt bislang weit unterrepräsentiert.
Mit der Veröffentlichung seiner „Complete Orchestral
Works" innerhalb der verdienstvollen Reihe „Spanish
Classics" des rührigen Labels Naxos ist nun eine entscheidende
Wende eingetreten. Erstmals bietet sich jetzt die Möglichkeit,
das orches-trale Werk des Spaniers in seiner ganzen Breite und
Farbigkeit kennen zu lernen. Sechs CDs liegen bisher vor: Ausgeführt
vom Orquesta Sinfónica del Principado de Asturias unter
Maximiano Valdés, dem Orquesta Sinfónica de Castilla
y León unter Max Bragado Darman sowie den Solisten Ricardo
Gallén, Joaquín Clerch (Gitarre), dem EntreQuatre
Cuarteto de guitarras, Asier Polo (Cello), Mikhail Ovrutsky (Violine),
Daniel Ligorio Ferrandiz (Piano) und Lucero Tena (Kastagnetten),
wird durch Rodrigos Musik ein Spanien heraufbeschworen, das in
dieser assoziativen Ursprünglichkeit schon während der
Zeit des Entstehens dieser Kompositionen einzig in der Vorstellung
des blinden Meisters existierte. Joaquín Rodrigo war zweifellos
einer der letzten Romantiker in der Musik des 20. Jahrhunderts.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
S
T
U
V
W
X
Y
Z
Zurück
Jazz/Blues
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X
Y Z
A
B
C
| . Regina Carter: paganini: after
a
dream (Universal/Verve)
|
  |
|
Eine elegante
Brücke zwischen Klassik à la France und konzertantem
Jazz schlägt die amerikanische Jazz-Violinistin Regina Carter
mit ihrer neuesten, in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen
Produktion „paganini: after a dream". Im Dezember 2001
hatte die klassisch geschulte Künstlerin von der Stadt Genua
die überraschende Einladung erhalten, auf Niccolò Paganinis,
des legendären „Teufelsgeigers" Guarneri-Violine
zu konzertieren, eine Ehre, die bislang noch keinem Jazzmusiker
zuteil geworden war. Ein knappes Jahr später – nach einem
vom Genueser Publikum enthusiastisch gefeierten Konzertauftritt
– erfüllte sich Regina Carters Traum: Drei Tage lang
durfte sie vor Ort Paganinis „Zaubergeige" zur Einspielung
der vorliegenden CD benutzen. Das aus neun Ti-teln bestehende Programm
reicht von Debussys „Rêverie", Faures „Pavane"
und „Après un rêve" sowie Ravels „Pavane
pour une infante défunte" über Astor Piazzollas
„Oblivion", Luiz Bonfás „Black Orpheus"
und Ennio Morricones „Cinema Paradiso" bis hin zu einem
Exzerpt aus Regina Carters eigener Komposition „Alexandra".
Bei drei Titeln steht Carters Quintett ein von Ettore Stratta geleitetes
Streichorchester zur Seite, zu dem sich bei zwei Titeln noch der
russische Cellist Borislav Strulev gesellt. Regina Carters wechselseitig
ungemein lyrisches, dann wieder swingend expressives Spiel überzeugt
rundum, wobei dem ebenfalls sehr dominant spielenden Pianisten Werner
„Vana" Gierig, ein nicht zu kleines Blatt musikalischen
Lorbeers gebührt. Der spezifische Klang von Paganinis Geige,
die heller als ein Instrument modernerer Bauart klingt und über
eine breitere Palette an Ober- und Untertönen verfügt,
verstärkt den Eindruck einer außergewöhnlichen Aufnahme.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
|
|
Ravi Coltrane: Mad 6 (Columbia)
|
 |
 |
Wer John Coltrane, der im Jazz-Olymp einen festen Platz neben
Miles Davis und Charlie Parker hat, zum Vater hat, wird bestimmt
nicht Musiker, schon gar nicht Jazzmusiker und ganz bestimmt nicht
Tenor- und Sopran-Saxofonist. Spott und Häme für den
Jungspunt, der in den überdimensionalen Fußstapfen
seines Vaters keinen Halt findet, wären in solchen Fällen
wohl unvermeidlich. Gut dass sich einer wie Ravi Coltrane nicht
beirren lässt und mutig ins Horn bläst – beziehungsweise
ins Saxofon. Tenor- und Sopransaxofon, was sonst! Nach dem Tod
seines Vaters, der heute 38-jährige Ravi war damals zwei
Jahre alt, zog Mutter Alice, eine Pianistin, mit den Kindern von
New York ins kalifornische San Fernando Valley, wo der mythische
Vater nicht den Kultstatus genoss, den er im Big Apple hatte.
Mit 21 Jahren, gewissermaßen als Spätberufener, schrieb
sich Ravi Coltrane am California Institute of the Arts ein, um
Saxofon zu studieren. Hier sah er sich mit vielen Studenten konfrontiert,
die mehr über die Musik seines Vaters wussten als er selbst.
1991 zog es Ravi wieder nach New York, wo zahlreiche Größen
des Jazz neugierig auf den Sohn des berühmten Coltrane waren
und mit ihm zusammen spielen wollten. Nachdem er einige Jahre
seinen eigenen Stil suchen und mit den Erwartungen fertig werden
musste, die sich an seinen Namen knüpften, legte er 1998
sein erstes
eigenes Album als Bandleader vor. Seitdem hat er seine musikalischen
Ausdrucksformen weiterentwickelt und sich seinen Platz unter den
Besten des zeitgenössischen Jazz gesichert. Mit Mad 6 beweist
er sich wieder als souveräner Interpret eigener Kompositionen
wie „Avignon" oder „Self Portrait in three colors"
oder von Klassikern wie „Round midnight" und „Fifth
House", geschrieben von – ja von Übervater John
Coltrane, von dessen hymnischer Intensität sich Ravis cooles
und zugleich warmes Spiel jedoch deutlich unterscheidet.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| David Liebman/Marc Copland Duo:
Bookends. 2 CDs (hatOLOGY) |
  |
|
Der 1946 geborene Sopransaxofonist David Liebman, der unter anderem
auf klassischen Miles-Davis-Produktionen wie „On the corner"
oder „Get up with it" vertreten ist, und der Pianist
Marc Copland, 1948 geboren, haben sich zu einer live und im Studio
eingespielten Produktion zusammengefunden, bei der sich die herausragenden
Fähigkeiten der beiden Musiker perfekt ergänzen: Liebmans
an sein großes Vorbild John Coltrane gemahnende expressive
Saxonfon-klänge werden untermalt von dem extrem reduzierten,
sparsamen Klavierspiel Coplands, der seine Karriere als Saxofonist
begann, bevor er sich dem Piano zuwendete. Neu interpretierte
Klassiker wie Lester leaps in, Blue in green, Maiden Voyage, Your
own sweet way oder Bookends lösen sich mit souverän
interpretierten Eigenkompositionen ab, die zeigen, dass beide
Künstler zu den führenden zeitgenössischen Jazzmusikern
gehören.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
D
| Miles Davis: The complete Jack
Johnson Sessions. 5 CD-Box (Sony)
|
  |
|
Hier passt alles perfekt zusammen: Jack Johnson, der für
Nat Fleischer, den „Boxpapst" der USA, der beste Schwergewichtsboxer
war, der je in den Ring gestiegen ist, und 1908 ers- ter farbiger
Boxweltmeister in seiner Gewichtsklasse wurde – und sich
von da an dem Hass des weißen Amerika ausgesetzt sah –
und Miles Davis, der Meister aller Klassen im modernen Jazz. Zum
ersten Mal liegen jetzt die von Februar bis Juni 1970 als Hommage
an den legendären Boxer entstandenen und mit unter anderem
Chick Corea, John McLaughlin und Jack de Johnette eingespielten
Sessionaufnahmen (34 davon bisher unveröffentlicht) auf fünf
digital optimierten CDs vor. Nach der Ver- öffentlichung
des epochalen „Bitches Brew" zeigt sich Davis mit seinem
Ensemble in einer Phase des kreativen Umbruchs, die einzelnen
Instrumentalisten harmonieren teilweise perfekt miteinander, in
anderen Aufnahmen spielen sie ihre starken Individualitäten
voll aus und treten in eine spannungsreiche Konkurrenz zueinander.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| Wiglaf Droste & Das Spardosen-
terzett: Wolken ziehn
(Roof/tacheles) |
  |
|
„Wenn man diese schwermütigen, poetischen Abweichungen
von der Norm einmal gehört hat, ist die Welt für immer
eine andere: brüchig. Da ist kein Netz und kein Fänger,
der fängt." Wer so über die Lieder von Nick Drake
schreibt, kann nur ein Guter sein. Wiglaf Droste, 1961 im ostwestfälischen
Herford geboren, ist ein „Weltverneiner von Schopenhauer’schen
Ausmaßen" (taz), „einer der letzten Romantiker"
(Neue Westfälische), Mitherausgeber (neben Vincent Klink)
der so vierteljährlich wie möglich erscheinenden kulinarischen
Kampfschrift „Häuptling eigener Herd" sowie Schriftsteller
und Satiriker – seine Kolumnen auf der Wahrheitsseite der
taz sind kleine Wortkunstwerke polemischer Spottlust, die einfach
Spaß machen.
Das gilt auch für die neue CD, die Droste mit Rainer Lipski,
Mickey Neher und Kai Struwe, dem mit winzigem Schlagzeug, Bass,
Gitarre und Klavier locker swingenden Spardosenterzett, aufgenommen
hat.
Bei drei der mit einer Mischung aus Inbrunst und minimalistischer
Zurückhaltung interpretierten Stücke werden die Herren
von der wunderbaren Katharina Thalbach unterstützt; einer
der 16 Höhepunkte der CD – so viele Songs befinden
sich auf „Wolken ziehn" – ist ihre auf Spanisch
mit einem unvergleichlichem Akzent dargebotene Rezitation von
„El Rubio" (der Blonde), einer „späten Verarbeitung
von drei Autoaufbrüchen in einer Woche Spanien").
„Basta Berlusconi" ist eine charmante Liebeserklärung
an Italien, das „Gottes Lieblingsland" sein könnte,
gäbe es da nicht den selbstherrlichen Landesfürsten,
eine „medial multiple Ölpfütze von Mann",
der seine Regierungsverantwortung vor allem darin sieht, unbehelligt
von den gleichgeschalteten Medien und einer geknebelten Justiz
seine illegalen Machenschaften unter der Decke zu halten.
„Diät ist Mord" stellt einmal mehr unter Beweis,
dass Droste gern und gut kocht und isst und es durchaus zu schätzen
weiß, wenn die holde Weiblichkeit dabei wacker mithält,
statt sich die Zeit damit zu vergällen, die von ihm so geschätzte
„Rolle der Frau" (auch Titel einer bei der Edition
Tiamat erschienenen Kolumnensammlung) abzutrainieren.
Kurzum – eine Liedersammlung für Liebhaber musikalischer
Feinkost, die allerdings wochenlang den CD-Player blockieren könnte.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
E
F
G
H
I
J
K
L
| David Liebman/Marc Copland Duo:
Bookends. 2 CDs (hatOLOGY) |
  |
|
Der 1946 geborene Sopransaxofonist David Liebman, der unter anderem
auf klassischen Miles-Davis-Produktionen wie „On the corner"
oder „Get up with it" vertreten ist, und der Pianist
Marc Copland, 1948 geboren, haben sich zu einer live und im Studio
eingespielten Produktion zusammengefunden, bei der sich die herausragenden
Fähigkeiten der beiden Musiker perfekt ergänzen: Liebmans
an sein großes Vorbild John Coltrane gemahnende expressive
Saxonfon-klänge werden untermalt von dem extrem reduzierten,
sparsamen Klavierspiel Coplands, der seine Karriere als Saxofonist
begann, bevor er sich dem Piano zuwendete. Neu interpretierte
Klassiker wie Lester leaps in, Blue in green, Maiden Voyage, Your
own sweet way oder Bookends lösen sich mit souverän
interpretierten Eigenkompositionen ab, die zeigen, dass beide
Künstler zu den führenden zeitgenössischen Jazzmusikern
gehören.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
M
N
O
P
Q
R
S
T
| Ulrich Tukur und die Rhythmus
Boys: Wunderbar, dabei zu sein (2001), Morphium (2003)
(beide Roof Music)
|
  |
|
Ulrich Tukur ist seit 1983 einer der profiliertesten deutschen
Schauspieler, der nach seinem ersten großen Erfolg als „Kittel"
in Peter Zadeks inzwischen legendärer „Ghetto"-Aufführung
in zahllosen Spielfilmen mitgewirkt hat und im Theater große
und kleine Rollen verkörpert hat – sofern sie Herausforderung
und Risiko bieten. Denn obwohl er auch schwierigste und abgründige
Rollen bis hin zu labilen Psychopathen mit einer nie nachlässigen
Leichtigkeit interpretiert, ist das Einfache seine Sache nicht
– Tukur, der 1995 bis 2000 die Kammerspiele in Hamburg leitete
und schon mehrfach in Salzburg als „Jedermann" agierte,
arbeitet ohne Netz und doppelten Boden, was seinem Spiel eine
Eindringlichkeit und Intensität verleiht, die nicht nur hierzulande
allzu selten sind.
Tukur ist jedoch nicht nur ein außergewöhnlicher Schauspieler,
der vielseitige, in Viernheim geborenen Hesse versucht sich seit
seiner ersten Schallplatte „Tanzpalast" auch immer
wieder als Musiker, seit 1995 mit seiner Band, den „Rhythmus
Boys" (Günter Märtens: Bass, Kalle Mews: Schlagzeug,
Ulrich Mayer: Gitarre). Auf dem aktuellen Album „Morphium"
präsentiert Jazzfan Tukur, der sich als spätgeborener
Bürger der Weimarer Republik fühlt, wieder exquisit
interpretierte „Lieder am Abgrund", wie ein früheres
Programm von ihm hieß. „Die Feier einer dekadenten
Kultur am Ende der k.u.k. Monarchie vor dem Weltkrieg, dann der
Tanz auf dem Vulkan 1924, das hat mich schon immer fasziniert",
erzählt Tukur und singt mit berückender Sinnlichkeit
Lieder wie „Ganz leise kommt die Nacht aus weiter Ferne",
„Opiumrausch" und „Du
gehst durch all meine Träume". Wer den Sänger Tukur
durch „Morphium" schätzen gelernt hat, wird sich
freuen, dass auch das Vorgängeralbum „Wunderbar, dabei
zu sein" noch lieferbar ist – hier geht es etwas weniger
morbide zu, die CD bietet Rhythmen von Mambo bis Foxtrott und
„Leichtigkeit bis hin zur Überflüssigkeit, Melancholie
mit Schmiss und Pep. Eigenkompositionen von explosiv retrograder
Modernität neben eigenwilligen Interpretationen älterer
unbekannter Titel." Sagt Tukur und hat Recht.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
|
U
V
W
X
Y
Z
Zurück
Weltmusik
A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T U V W X
Y Z
A
| Abaji: Oriental voyage
(Network Medien/Zweitausendeins)
|
  |
|
Network Medien, eines der besten Labels in Sachen Weltmusik (siehe
UNIVERSITAS 3/2003, Seite 319) hat in den letzten Jahren neben
vielen anderen herausragenden Einspielungen auch zwei vorzügliche
CD-Sammlungen mit „Wüstenblues" veröffentlicht,
einer der bemerkenswertesten Künstler dieser Zusammenstellungen,
der in Beirut geborene „Troubadour der Beduinen", Abaji,
legt nun mit „Oriental voyage" eine Album vor, das
ein abwechslungsreiches Kaleidoskop von ruhigen und bluesigen
Klängen liefert, die von der Weite der Wüste, der Kargheit
der schroffen Berge und der Fruchtbarkeit von Tälern und
Oasen inspiriert sind. Meditative und dennoch spannungsreiche
Klänge, die Abaji in Frankreich bereits Kultstatus bescherten.
Alexa Jacsay Guerrero
.
|
B
C
D
| Lila Downs: The Border –
La linea (Peregrina)
|
 |
 |
In ihrer Heimat Mexiko ist Lila Downs, Tochter eines schottisch-amerikanischen
Vaters und einer Indianerin, schon seit geraumer Zeit ein echter
Star und durch ihren maßgeblichen Anteil am dieses Jahr
mit einem Oscar ausgezeichneten Frida-Soundtracks (der gleichnamige
Film ist der mexikanischen Malerin Frida Kahlo gewidmet) dürfte
sie nun auch mit ihren Soloproduktionen ein internationales Publikum
erreichen. Lila Downs hat ihre aktuelle CD den Menschen gewidmet,
die an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko
(The Border) leben. In ihrer von starker Intensität und tiefen
Emotionen geprägten Kompositionen verwebt sie Jazz, Gospel
und andere Einflüsse mit den traditionellen Cumbias ihrer
Heimat. Begleitet wird sie von Musikern aus Kuba, Argentinien,
Paraguay, Kanada und den USA – trotz der vielen Einflüsse,
die in ihre Musik einfließen, verbietet es sich, Lila Downs
als „Weltmusik"-Künstlerin zu bezeichnen. Zu sehr
ist dieser Begriff durch Musiker wie Sting, Peter Gabriel und
Paul Simon in Misskredit geraten, die in ihrer Zusammenarbeit
mit „einheimischen" Künstlern einen leicht konsumierbaren,
aber schwer verdaulichen Ethno-Pop geschaffen haben, der keine
andere Sprache als die der Beliebigkeit kennt. Höhepunkt
auf Frida ist das englisch-spanisch gesungene Burn it blue, das
sie mit Caetano Veloso singt.
Weitere Künstler auf der Frida-CD, deren 24 Songs von Elliot
Goldenthal komponiert wurden, sind neben Lila Downs unter anderem
Chavela Vargas, die Musik-Legende aus Costa Rica, und Salma Hayek
(die im Film Frida Kahlo verkörpert). Anders als die meisten
Film Soundtracks „funktioniert" die Musik auch ohne
den Film.
Alexa Jacsay Guerrero, UNIVERSITAS
.
|
E
F
| Ibrahim Ferrer: Buenos hermanos
(World circuit/Indigo)
|
 |
 |
Er hätte noch Schuhcreme an den Händen gehabt, erzählt
der heute 76-jährige Ibrahim Ferrer immer wieder gern, als
Ry Cooder ihn vor einigen Jahren auf Havannas Straßen ansprach
und den Schuhputzer (der vor den Zeiten eines Fidel Castro, für
den er kein gutes Wort findet, bereits ein sehr erfolgreicher
Musiker war) direkt ins Studio mitnahm. Der Rest ist Geschichte
– die Buena-Vista-
Social-Club-Compilation, dessen größten Hit „Chan
chan" Ferrer komponierte, war der Soundtrack eines Kuba-Booms,
der inzwischen etwas verebbt ist, was nicht bedeutet, dass seine
noch lebenden Protagonisten weiterhin erstklassige CDs aufnahm.
Buenos Hermanos ist die zweite Solo-CD von Ferrer; Ry Cooder und
andere Weggefährten aus dem Buena-Vista-Social-Club-Umfeld
sind auch wieder dabei. Ferrer hätte dem Vernehmen nach am
liebsten nur traurige Boleros aufgenommen, doch schließlich
ist das Album doch wieder eine abwechslungsreiche Reise durch
kubanische Musiktraditionen geworden. Schnelle Guarachas, einige
lockere Sons (die kubanische Salsa-Variante) und natürlich
Ferrers wichtigstes Instrument, seine Stimme. Jenseits aller Booms
eine entspannte Sammlung zeitloser Songs.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| Celso Fonseca: Natural (Ziriguiboom/Crammed
Discs/EFA)
|
 |
 |
Außerhalb Brasiliens war Celso Fonseca bisher nur ein Geheimtipp,
doch es steht zu hoffen, dass sich dies mit seinem ersten internationalen
Soloalbum ändern wird. Fonsecas Stimme erinnert in bestem
Sinne an Caetano Veloso, mit dem er ebenso bereits zusammenarbeitete
wie mit Gilberto Gil (mit dem zusammen er in Rio ein Studio betreibt),
dem anderen großen Vertreter des Tropicalismo und derzeitigem
brasilianischem Kul- turminister sowie Marisa Monte und Bebel
Gilberto. Die 2002 in Rio aufgenommene CD klingt wunderbar entspannt,
ohne je zur allzu gefälligen Cocktailmusik zu degenerieren,
und enthält neben den mit sanfter Stimme vorgetragenen eigenen
Liedern, die von akustischer Gitarre (Daniel Jobim, der Enkel
von Tom Jobim), dezenter Percussion (Robertinho Silva aus der
Band von Milton Nascimiento) und akustischem Bass (Jorge Hélder
aus der Gruppe von Chico Buarque) begleitet werden, auch Klassiker
wie Baden Powells Consolção oder Jobims She’s
a carioca.
Prof. Dr. Julius Philipp Sauer; UNIVERSITAS
.
|
G
| Gilberto Gil: Z. (Exil/Indigo)
|
  |
|
„Unseren Gil", so nannte ihn der brasilianische Schriftsteller
Jorge Amado, und dies nicht nur, weil Gilberto Gil ebenfalls Brasilianer
und Bahianer ist, sondern weil er sich als „Interpret des
Kampfes und der Hoffnung" gegen die Diktatur zur Wehr setzte.
Nach dem Militärputsch von 1964 stand Gil zusammen mit seinem
musikalischen Partner Caetano Veloso an der Spitze der Tropicália,
einer kulturellen Bewegung, die auf poetische Weise Systemkritik
übte und mit ihren Happenings die Staatsmacht erschreckte.
1969 büßten sie dafür mit monatelanger Haft.
Gil, der im Januar unter dem neuen brasilianischen Präsidenten,
dem Arbeiterführer Luis Inacio „Lula" da Silva,
das Amt des Kultusministers übernahm, hat mit seiner Musik
stets den Unterdrückten und Wehrlosen eine Stimme gegeben.
„Z" lautet der schlichte Titel einer grandiosen Komposition,
die ursprünglich gar nicht zur Veröffentlichung als
Album geplant war. 1995 schuf Gil mit dem Perkussionisten Carlinhos
Brown und dem Bassisten Rodolfo Stroeter eine Ballettmusik zum
300. Todestag des afrobrasilianischen Sklavenhäuptlings Zumbi.1630
gründeten etwa 20 000 entlaufene Sklaven in der bergigen
und palmenbestandenen Region im Nordosten Brasiliens einen „Staat
freier Neger". Palmares, den größten Quilombo,
konnten die Portugiesen 1699 erst nach erbitterten Kämpfen
vernichten. Häuptling von Palmares wurde 1680 Francisco Zumbi.
Den Vornamen erhielt er von einem katholischen Priester, der ihn
aufzog, nachdem er während des ersten portugiesischen Überfalls
auf Palmares geraubt worden war. Den schamanischen Namen Zumbi
verliehen ihm die Bewohner von Palmares, die seine Rückkehr
als Auferstehung von den Toten feierten. Gil lässt sich mit
seiner Musik ganz auf das Leiden der Sklaven ein. In kultisch
anmutenden Gesängen, durchdringenden Schreien und wildem
Heulen beschwört er die Erinnerung an ihre grausame Vernichtung.
Ruth Renée Reif, UNIVERSITAS
.
|
H
| The Harp Consort: Missa Mexicana.
HMU 907293 harmonia mundi
|
 |
|
Ein interessantes Dokument des Kolonialismus stellt das Ensemble
The Harp Consort des britischen Harfenisten Andrew Lawrence-King
vor. Als die spanischen Eroberer nach dem Sieg über die Azteken
in Mexiko ihr Kolonialreich aufbauten, erklärten sie das
Christentum zur Staats-religion. Die Indios wurden gewaltsam bekehrt
und ihre religiösen Kultstätten zerstört. Gleichzeitig
errichteten die Spanier eine große Anzahl an Klöstern
und Kirchen. Während die Konquistadoren die indianische Kultur
auszurotten versuchten, gingen die missionierenden Mönche
raffinierter zu Werke, indem sie die indianischen Gesänge
und Tänze einfach in den katholischen Ritus integrierten.
Wie diese Vereinnahmung musikalisch umgesetzt wurde, belegt die
Messe „Ego flos campi" des spanischen Komponisten Juan
Gutierrez de Padilla, der 1629 die Stelle des Kantors an der Kathedrale
von Puebla antrat. The Harp Consort nimmt diese Messe als Ausgangspunkt
ihrer musikalischen Entdeckungsreise. Unter dem Titel „Missa
Mexicana" stellt sie die geistlichen Kompositionen den originalen
Tänzen, denen sie nachgebildet waren, gegenüber.
Ruth Renée Reif, UNIVERSITAS
|
I
J
K
L
M
N
| Network – ein Label im Zeichen
der Weltmusik
|
 |
|
Seit über 20 Jahren hat sich Christian Scholze, Gründer
und Geschäftsführer der Frankfurter Schallplattenfirma
Network Medien, der so genannten Weltmusik verschrieben, rund
100 Produktionen sind in dieser Zeit entstanden, von denen die
aufwendigen Anthologien, Doppel- CDs, die einem bestimmten Thema
gewidmet sind, besondere Aufmerksamkeit verdienen. Ein Glanzstück
der Reihe ist „Musica negra in the americas", eine
musikalische Entdeckungsreise, die die große musikalische
Vielfalt des amerikanischen Kontinents und der Karibik mit ihren
unterschiedlichen schwarzen Kulturen widerspiegelt. Christian
Schulze und der amerikanische Weltmusikjournalist Dan Rosenberg
haben in über 20 Ländern bekannte und weniger bekannte
Künstler und Gruppen aufgespürt und dabei so manches
musikalische Kleinod entdeckt. Besonderes Lob verdient die Kollektion,
weil auch Regionen, die wie Belize, Curaçao oder Guatemala
auf der musikalischen Weltkarte eher etwas abseits liegen, zu
ihrem Recht kommen.
„Desert Blues", eine weitere thematische Compilation,
die zu einer abwechslungsreichen Reise durch die reiche Balladentradition
der Sahara, der Sahel und der angrenzenden Länder einlädt,
war weltweit so erfolgreich, dass vor kurzem eine zweite Songsammlung
zu diesem musikalischen Themenfeld vorgelegt wurde. Der Begriff
Blues mag etwas irreführend sein, doch soll er wohl auf die
Intensität hinweisen, mit der die über 20 Interpreten
ans Werk gehen und Stimmungen und Schicksale in Szene setzen.
Das jüngste Großprojekt aus dem Hause Network war das
bisher wohl aufwendigste Unterfangen in der an Herausforderungen
reichen Unternehmensgeschichte (dazu auch das Interview mit Christian
Scholze unter www.christianscholze.de). „Island Blues –
entre mer et ciel" ist eine Platte für die berühmte
Insel. Wie alle Network-Anthologien mit einem opulenten, reich
bebilderten und informationsreichen Booklet ausgestattet, ist
sie eine Reise zu ausgewählten Inseln rund um den Globus,
ausgehend von den Komoren, über Indonesien, die Karibik,
die Südsee, das Mittelmeer bis nach Irland. Einen Überblick
über die gesamte Produktion des Labels kann man sich unter
www.networkmedien.de machen.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
O
P
Q
R
S
T
U
V
| Caetano Veloso/Jorge Mautner:
Eu não peço desculpa: (Warner)
|
  |
|
Unlängst 60 geworden, hat der ewig jugendliche Altmeister
des Tropicalismo und Weggefährte seines Musiker-Kollegen
Gilberto Gil, dem derzeitigen brasilianischen Kulturminis- ter,
in dem ohnehin phänomenalen Soundtrack von Pedro Almodóvars
preisgekröntem Spielfilm „Hable con ella" (Sprich
mit ihr) mit einer neuen Version von „Cucucurruco Paloma"
den anrührenden Höhepunkt geliefert. Nun legt er mit
seinem Freund und Weggefährten Jorge Mautner eine CD vor,
in der sich Velosos oft sehr zarte Stimme mit Mautners eher sprödem
Organ vorzüglich ergänzen und so keine Langeweile aufkommen
lassen. Ein stilistisch vielseitiges Werk des Brasilianers, der
in seiner langen Karriere immer wieder für Überraschungen
sorgt. Auch für diese Liedersammlung braucht er sich nicht,
wie der Titel der CD andeutet, zu entschuldigen.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
W
X
Y
Z
Zurück
Pop/Rock/Roots
A B
C D E F
G H I J
K L M N
O P Q R
S T U V
W X Y Z
A
Ryan Adams: Love is hell pt.1
and pt.2, Rock’n Roll, (Lost high-way/Universal) l
|
  |
|
In den 90er-Jahren nahm Ryan Adams – weitgehend unbemerkt von der großen Öffentlichkeit – mit seiner Band Whiskeytown einige hervorragende Rock-Folk-Country-CDs auf, 2000 kam dann mit „Heartbreaker" ein sehr persönliches, sehr ruhiges Balladen-Album über das Ende einer Beziehung auf den Markt – seine bisher beste Produktion, die sein damaliges Label erst dann so gut fand wie Adams, als die CD sich sehr gut verkaufte. 2001 landete er dann mit „Gold" bei seiner derzeitigen Plattenfirma einen Riesenerfolg, der ihm neben ungeheurer Popularität diverse Grammy-Nominierungen und „the Cover of the Rolling Stone" einbrachte. Adams, der einen immensen Output an Songs hat, würde seine künstlerische Entwicklung am liebsten in Form zahlreicher, in kurzen Abständen erscheinender Alben dokumentieren und vertraut dabei auf sein enormes künstlerisches Potenzial. Seine Plattenfirma scheint dies anders zu sehen, und so kommen nun als Ergebnis der Differenzen
zwischen Künstler und Label drei CDs binnen zwei Monaten auf den Markt. Rock’n‘Roll, das vermeintliche Hauptwerk dieses Trios, wirkt wie eine lustlose Pflichtarbeit, ein lärmiges Anbiedern an den Massengeschmack – Adams Stimme ist teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt und die Gitarren werden mitunter derart uninspiriert misshandelt, dass man sich irritiert fragt, was das eigentlich soll. Bis man Love and hell pt.1 and pt. 2 hört – zwei Mini-CDs mit zusammen 19 Stücken, die Adams selbst für die reguläre Veröffentlichung hält, die er jedoch allem Anschein nach seinem Label abtrotzen musste. Sei es, wie es ist – hier zeigt sich der Musiker auf der Höhe der Kunst, fast ausschließlich ruhige, eindringlich interpretierte Songs, die hoffentlich mindestens so erfolgreich werden wie Rock’n Roll, damit Adams zukünftig mehr Vertrauen in das Potenzial seiner Songs geschenkt wird.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
Arctic Monkeys: Our favourite worst nightmare (Domino)
|
 |
|
Das zweite Album ist meist das Schwierigste, zumal wenn man wie die aus Sheffield stammenden Arctic Monkeys mit dem Vorgängeralbum Whatever People Say I Am, That's What I'm Not als aufregendendste Neuentdeckung des Gitarrenrock und als "best british Band 2006" gefeiert wurde. Nun wäre es leicht, nach dem Megahype um das wahrhaft vorzügliche, aber mitnichten alles überragende Debüt den trotz knapper 77 Minuten nicht mehr ganz so kompakten Nachfolger in Grund und Boden zu schreiben – doch obwohl die ganz großen Momente fehlen, ist den Jungspunten (das Durchschnittsalter der Band beträgt zarte 20 Jahre) wieder eine in den besten Momente mitreißende CD gelungen, der man mitunter das Bemühen der Band anmerkt, "anders" zu klingen als auf dem Erstling. Was glücklicherweise nicht immer gelingt.
Bela Büsemann, UNIVERSITAS.
|
B
C
| James Carr: A man needs a woman
(Kent/Edel Contraire)
|
 |
 |
„Die Art und Weise, wie der Junge singt, jagte mir eine
Gänsehaut über den ganzen Körper" –
so erinnert sich James Carrs Mentor Roosevelt Jamison (übrigens
auch der Entdecker des leider viel zu wenig bekannten Deep-Soul-Giganten
O.V. Wright) an das erste Mal, dass er den Gospelsänger in
einer Kirche gehört hatte. „Er hatte gleichzeitig diese
Demut und Kraft in seiner Stimme, ein verzweifeltes Sehnen, dass
aus der Kirche kam." Wer neugierig geworden ist, wie sich
dieses Sehnen anhört, erhält jetzt – zwei Jahre
nach dem Tod des weitgehend vergessenen Soulsängers, dessen
Stimme es an Intensität mit der des ungleich bekannteren
Otis Redding mühelos aufnehmen kann – mit der CD „A
man needs a woman" die Möglichkeit, einen begnadeten
Vokalisten kennen zu lernen, der im Leben nicht zurechtkam (Drogen-
und Medikamentenmissbrauch, mehrere Aufenthalte in Nervenheilanstalten),
aber ein Werk für die Ewigkeit hinterließ. Von den
24 durchweg gelungenen Songs dieser Zusammenstellung sind neben
dem voller Inbrunst, aber dennoch kontrolliert gesungenen Titelsong
vor allem Dan Penns Klassiker „The dark end of the street"
(nach Carrs Interpretation unter anderem von Aretha Franklin und
Ry Cooder gecovert) hervorzuheben, das einem tatsächlich
Gänsehaut macht.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Johnny Cash: The man comes around
(Mercury) |
  |
|
Bei jeder Platte des „man in black“ muss man befürchten,
es sei seine letzte – live tritt er schon seit geraumer
Zeit nicht mehr auf; diverse Spekulationen über eine lebensbedrohliche
Krankheit konnten jedoch glücklicherweise bisher nicht verhindern,
dass mit schöner Regelmäßigkeit als Ergebnis einer
fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Produzenten Rick Rubin eine
weitere Songkollektion im Rahmen der Reihe „American Recordings“
vorgelegt wird. Jetzt gerade die Nummer vier nach „American
Recordings, „Unchained“ und „Solitary man“
– „The man comes around“. Nun mag man streiten,
ob es sich, wie Cash selbst meint, um den bisherigen Höhepunkt
der Serie handelt – jede der drei anderen Produktionen ist
so stark, dass sie diesen Ehrenplatz für sich beanspruchen
könnte – doch zumindest fällt die aktuelle Cd
gegenüber den anderen nicht ab. Nach einem fulminanten Auftakt
mit dem Titelsong in dem für Cash typischen Sprechgesang
reiht sich ein Glanzlicht an das nächste – und wieder
einmal staunt man, wie Cash sich Stücke von durchaus diskutablen
Songschreibern wie etwa Sting aneignet und sie auf eine Weise
interpretiert, in der vom Original – glücklicherweise
– wenig übrig bleibt. Man denke nur an das grandiose
„One“ von
dem unsäglichen Bono auf „Solitary man“. Stings
„I hung my head“ gehört ebenso zu denHöhepunkten
wie „Personal Jesus“ von Depeche Mode, Trent Reznors
„Hurt“ oder das gemeinsam mit Nick Cave gesungene
„I’m so lonesome I could cry“ von Hank Williams,
den Cash schon mehrfach gecovert hat – u.a. auch auf der
„Timeless“-Tribute-CD, die letztes Jahr erschien.
Den sehr guten Gesamteindruck vermögen auch ein zwei, etwas
flachere Interpretationen nicht ernsthaft zu schmälern –
„In my life“ von Lennon/Mc Cartney allerdings gewinnt
nicht wirklich an Substanz in der Fassung von Johnny Cash. Aber
was soll das Mäkeln angesichts einer derart grandiosen Platte,
die einen hoffen lässt, dass es noch viele „letzte
Werke“ von einem der größten amerikanischen Sänger
geben wird.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Nick Cave and the Bad Seeds:
Nocturama (Mute/Virgin)
|
  |
|
Aktuelle Musik pflege er grundsätzlich nicht zu hören,
ließ Nick Cave einen Interviewpartner wissen, und dass er
von Grund auf konservativ sei, manchmal reaktionär und allem
Fortschritt gegenüber misstrauisch. Und das inzwischen zwölfte
Album des Australiers beweist einmal mehr, dass Caves von Vorbildern
wie John Lee Hooker, Bob Dylan, Lee Hazlewood und Leonard Cohen
beeinflusste Musik sich jeder Mode verweigert und in bestem Sinne
zeitlos ist. Gleich mit dem Auftakt des mehr als sieben Minuten
langen Openers „Wonderful life" wird man von Caves
mit Pianoklängen, einer rollenden Hammond-Orgel und Blixa
Bargelds Pedal Steel Guitar untermalten unverwechselbaren düster-melancholischen
Stimme hineingezogen in eine Songsammlung, die zu den besten seiner
Karriere gehört, die 1977 begann, als er mit seiner damaligen
College-Band „The boys next door" in den Pubs von Melbourne
auftrat. „It’s a wonderful life... if you can find
it" – denn nichts ist einfach wundervoll im Cave’schen
Kosmos. Auch nichts jedoch so schrecklich, dass es nicht etwas
Schönes enthalten könnte – berückender als
im zweiten Stück „He wants you" hat
Gevatter Tod („He’s straight and he is true"),
allgegenwärtig in Caves Œuvre, wohl noch nie jemanden
umgarnt. Das eingängigste Stück ist „Bring it
on", im Duett mit Chris Bailey, dem Sänger der legendären
Pre- Punk-Band The Saints, gesungen und für Cave’sche
Verhältnisse geradezu euphorisch. Es ist eines der drei Stücke,
in denen lautere Töne angeschlagen werden, während ansons-ten
die schwermütigen fragilen Kompositionen dominieren, die
Cave nach eigenem Bekunden seit einigen Jahren wesentlich mehr
intereressieren als der härtere Sound seiner Frühzeit.
An diese rauen Zeiten erinnert „Babe, I‘m on fire"
der fast 15-minütige Abschluss dieser bereits jetzt klassisch
anmutenden CD.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
D
| Julie Delpy: Julie Delpy
(Crépuscule/PIAS)
|
 |
 |
Bisher kannte man die Französin Julie Delpy nur als Schauspielerin,
die in zahlreichen internationalen Produktionen tätig war.
Als ihr Entdecker gilt Jean Luc Godard, der sie 1984 in „Détective"
mit unter anderem Jean Pierre Léaud und Nathalie Baye besetzte,
später spielte sie in Filmen von Bertrand Tavernier, Krzysztof
Kieslowski, Volker Schlöndorff, Ri-chard Linklater und Mika
Kaurismäki. Seit einiger Zeit lebt Julie Delpy in den USA,
und die Lieder auf ihrer im Oktober erscheinenden CD singt sie
in englischer Sprache. Das Ergebnis ist mehr als überzeugend:
Die 13 selbst komponierten Folk-Rock-Songs, die bisweilen an die
legendäre
Velvet-Underground-Chanteuse Nico erinnern, handeln überwiegend
von enttäuschter Liebe – ihr Vater, so war unlängst
in einem „Spiegel"-Interview zu lesen, habe ihr vorgehalten,
dass sie, während andere aufgrund gescheiterter Beziehungen
depressiv werden, damit Geld verdiene. Wenn man diese CD hört,
möchte man
fast wünschen, dass Julie Delpy noch viel Unglück musikalisch
verarbeiten muss.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Bob Dylan and the Rolling Thunder
Revue: Live 1975 DoCD (Sony)
|
  |
|
|
Die Fortsetzung der „Bootleg Series“ von Bob Dylan brachte
Ende letzten Jahres mit dem 1975er Konzert der „Rolling Thunder
Revue“, einer bunten Gruppe von befreundeten Musikern und
Literaten, ein absolutes Highlight. Selten hat man den vielleicht
bedeutendsten amerikanischen Songwriter inspirierter gehört
– keine Spur von Nuscheln oder Krächzen, Dylan „singt“
einige seiner besten Songs mit spürbarer Anteilnahme, ja teilweise
Inbrunst, und was alle wundern mag, die in den letzten Jahren ein
Konzert auf der „endlosen Tournee“ des Meisters erleben
durften – damals sprach er noch mit seinem Publikum und inszenierte
sich anders als heute noch nicht als lebende Legende. Abgesehen
von einigen zweifelhaften Duetten mit der unvermeidlichen Joan Baez
(bis auf das herbschöne und herzzerreißende
„The water is wide“ reiht sich ein Höhepunkt an
den nächsten – besonders gelungen sind die Songs vom
Album „Desire“ (u. a. ultimative Versionen von „Hurricane“,
„Sara“ und „Romance in Durango“). Weitere
Glanzlichter unter vielen starken Interpretationen sind „Love
minus zero, no limit“, „It ain’t me babe“,
und „Simple Twist of fate“.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Bob Dylan: 15 Hybrid Super Audio
CDs (Sony)
|
 |
 |
Der Musikindustrie
geht es schlecht, der Verkauf von CDs ist stark rückläufig,
Zuwächse erzielen seit geraumer Zeit nur noch Rohlinge, auf
die man seine Lieblingsmusik brennen kann. Nicht immer ist dies
legal, und so versuchen Musikkonzerne die Übeltäter, die
sich unerlaubterweise Songs aus den Internettauschbörsen herunterladen
oder den Kopierschutz von CDs mit illegaler Software umgehen, durch
harte Strafen abzuschrecken. Vielleicht gelingt es der Musikindustrie
jedoch auch mit anderen Mitteln, der maroden Branche wieder etwas
Schwung zu verleihen – große Hoffnungen werden derzeit
auf einen neuen Tonträger gesetzt: die Super Audio CD. Nachdem
die Musikfreunde eine Vorgängerversion nur zögernd angenommen
hatten, da man über einen SACD-Player verfügen müsste,
um den eindeutigen klanglichen Mehrwert genießen zu können,
gibt es die meisten SACDs auch in einer so genannten Hybridversion.
Neben den höherwertigen Mehrkanalinhalten ist auch eine normale
CD-Schicht auf den Scheiben, sodass der Einsatz sowohl in einem
SACD-tauglichen Gerät als auch in einem herkömmlichen
Player möglich ist. Am 22. September veröffentlichte Sony
auf einen Schlag gleich 15 klassische Platten von Bob Dylan in dem
neuen Format, die Veröffentlichungen reichen von 1963 („The
Freewheelin’ Bob Dylan") über Highway 61 revisited
(1965 mit u. a. „Like a rolling stone") und das meisterliche
„Blood on the tracks" (1975) bis hin zu der bislang letzten
CD „Love and theft". Demnächst erscheint auch eine
neue CD aus der famosen Bootleg-Reihe mit klassischen Dylan-Konzerten
auf SACD.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
E
F
G
| Duke Ellington, Charly Parker,
Miles Davis, Count Basie, Billie
Holiday und andere: George
Gershwin’s most beautiful song Summertime (Efa)
|
  |
|
„Summertime … and the livin’ is easy"
– keine Zeile als die des Refrains von George Gershwins
Jahrhundertsong passt wohl besser zu dem gerade beendeten Jahrhundertsommer
(die Landwirte und andere Opfer der Dürre in weiten Teilen
Europas mögen es verzeihen); die Initiatoren dieses ungewöhnlichen
CD-Projekts bewiesen jedenfalls ein fast perfektes Timing. Ja,
ungewöhnlich und gewagt kann man es wohl allemal nennen,
wenn man zwanzig Versionen eines Lieds auf einem Album vereint,
selbst wenn es sich um das zeitlose „Summertime" handelt.
Mit dieser einfachen, stimmungsvollen Bluesmelodie evozierte der
US-amerikanische Komponist und Pianist George Gershwin (1898–1937)
eine eigen-tümliche friedvolle Stimmungslage, aus der sich
der tragische Teil der American-Folk-Opera „Porgy und Bess"
(1935) entwickelt. Die Komposition, die sich einerseits auf die
europäische veristische Oper bezieht, andererseits Elemente
aus dem Jazz, Spiritual und Blues verwendet, ist der wohl erste
eigenständige Beitrag Amerikas im Operngenre. Porgy and Bess
brachte einige veritable Welthits hervor, doch kein Stück
erreichte die Breitenwirkung von „Summertime".
Die Zahl der Coverversionen dieses Klassikers geht in die Hunderte
– eine exzellente Auswahl davon ist auf dieser CD versammelt,
die keine Sekunde langweilt, zu unterschiedlich sind die beteiligten
Künstler, die nur eines eint – sie zählen zu den
absolut Besten des Jazz, Blues, Soul und Rock. „Summertime"
wird unter anderem von Duke Ellington, Miles Davis, Ella Fitzgerald,
Janis Joplin, Sam Cooke, Count Basie, Bing Crosby, Sarah Vaughn,
George Benson, Louis Armstrong und Charly Parker zu Gehör
gebracht, die jede(r) für sich der Melodie andere Nuancen
abgewinnen können, sodass die CD fast wie eine eigenständige
Komposition wirkt. Exquisit!
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Philip Glass: The Hours.
(Nonesuch/Warner)
|
  |
|
Zumeist haftet Filmmusik etwas Abruptes, Kurzatmiges, Stückwerkhaftes,
ja Zusammenhangloses an. Den Vorgaben von Bild- und Handlungsabläufen
folgend, bietet das Medium Film dem Komponisten nur selten die
Möglichkeit, seiner musikalischen Idee einen in sich geschlossenen
Ausdruck zu verleihen. Zweckrationalität bestimmt ihren Charakter.
Deshalb gehört denn auch der
Soundtrack des kürzlich angelaufenen amerikanischen Films
„The Hours" zu den seltenen Ausnahmen. Philip Glass,
einer der Großen im Bereich der so genannten „minimal-music",
hat die Chancen, die sich ihm in Stephen Daldrys Film boten, voll
genutzt. Seine elegische Musik – von den vierzehn streng
thematisch bezogenen Tracks mit Titeln wie „The Poet Acts",
„Morning Passages", „The Kiss", „Escape!"
oder „Choosing Life" unterschreiten nur zwei die durchschnittliche
Spieldauer von drei bis vier Minuten – atmet den klassischen
Geist der sinfonischen Poeme Liszts und Rachmaninows. Unterstrichen
wird dieser Eindruck noch durch die starke pianistische Komponente
(Piano: Michael Riesman) im Zusammenspiel mit dem Lyric Quartett
und einem Orchester unter der Leitung von Nick Ingman. Glass-Gegner
dürften es nicht schwer haben, dem Komponisten epigonalen
Neo-Klassizismus, Pseudoklassizismus oder Pseudoromantik vorzuwerfen.
Wie auch immer: Glass‘ melodiöse Musik zu „The
Hours" überzeugt gerade durch ihre poetische Melancholie.
Adelbert Reif, UNIVERSITAS
.
|
|
Go Betweens: Bright yellow, bright Orange (Efa/Clearspot)
|
  |
|
Zwei Jahre ist es her, dass die Go Betweens mit „The Friends
of Rachel Worth" ein grandioses Comeback feierten, nachdem
Robert Forster und Grant McLennan sich nach sechs Platten, die
von 1978 bis 1989 entstanden waren, getrennt hatten, um eigene
Wege zu gehen. Wer gehofft hatte, dass das „perfekteste
noch
existierende Songschreiber-Team im zeitgenössischen Pop"
(„Der Spiegel") sich nach dieser zugleich melancholischen
und euphorischen Songsammlung zu einer dauerhaften Reunion entschließen
würde, darf sich nun freuen. Die zehn neuen Stücke,
die, wie zu Zeiten der guten alten Schallplatte, nur 39 Minuten
währen, sind im besten Sinn perfekt geraten. „Wer sie
liebt, liebt sie sehr", schrieb Martin Pesch einmal in der
taz. Wie Recht er hat.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Adam Green: Friends of mine (Sanctuary)
|
 |
 |
Adam Green, wenigen glücklichen Eingeweihten bekannt als
Mitglied der charmanten Moldy Peaches, ist mit Kimya Dawson und
Jeffrey Lewis einer der wichtigsten Protagonisten der New Yorker
Antifolk-Szene, bei der es sich ähnlich wie bei der Poetry-Slam-Szene
um Selbstaneignung dreht, um das offene Mikrofon für
alle, mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten, Risiken
und Schwächen. Der Begriff soll zurückgehen auf einen
amerikanischen Songwriter, der seine akustische, jedoch vom Punk
inspirierte Musik nicht auf FolkFestivals spielen durfte. Auf
dem New Yorker Folk Festival soll er wütend gerufen haben:
„Wenn das hier Folk ist, dann bin ich Antifolk."
Die zweite Cd Adam Greens entzieht sich allen Kategorisierungsversuchen
– da sie perfekt produziert ist, sprach man schon von Anti-Antifolk
– und ist schlichtweg genial. Alle 15 Songs sind kleine
Kunstwerke, und man mag es kaum glauben, dass hier ein Jungspunt
von 22 Jahren singt. Immer wieder fühlt man sich an Bekanntes
erinnert, den jungen John Cale, Lee Hazlewood, Beck, Nick Drake
oder Jonathan Richman. Und dennoch hat das Ganze nichts Epigonenhaftes,
sondern klingt unverwechselbar nach Adam Green, der übrigens
im Herbst auf Deutschland-Tournee kommt. Wunderbare Melodien,
feine Streicherarrangements, die die Songs nicht erschlagen, verschrobene
Texte und über allem die Stimme Adam Greens, der eine große
Karriere vor sich hat.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
H
|
Emmylou Harris: Stumble into
grace (Nonesuch/Eastwest)
|
  |
|
Fast genauso lange wie Van Morrison, nämlich seit 1969,
nimmt Emmylou Harris, die Grande Dame des Countryfolk, Platten
auf und veredelt die Produktionen von zahllosen Kollegen und Kolleginnen
mit ihrer unverkennbaren Stimme. Mit „Wrecking ball"
(1995) und „Red dirt girl" (2000) bildet die CD eine
durch den dreifachen Produzenten Malcolm Burn, einen Schüler
von Daniel Lanois (der u. a. für den Sound von Bob Dylans
„Oh mercy" mitverantwortlich ist), zusammengehaltene
Trilogie – zum zweiten Mal nach „Red dirt girl"
hat Emmylou Harris auch den Großteil der Kompositionen beigesteuert.
Unterstützt wird sie u. a. von Kate und Anne McGarricle,
Gillian Welch, Linda Ronstadt und Julie und Buddy Miller , den
üblichen Verdächtigen – glücklicherweise.
Hier musizieren Freunde, Künstler, die so lange Musik machen
werden, bis die letzte Klappe fällt – wie unlängst
bei Johnny Cashs Frau June Carter Cash, der Emmylou Harris das
Abschiedslied „Strong hands for June" gewidmet hat.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Penelope Houston: Eighteen stories
down (WEA)
|
 |
|
Und noch eine Wiedergeburt: Mit Penelope Houston hatte man eigentlich
auch nicht mehr gerechnet – obgleich das Booklet ihrer neuen
CD noch einmal daran erinnert, dass die kalifornische Songwriterin
sich in ihrer inzwischen 25 Jahre währenden Karriere mehrfach
neu erfunden hatte und nach längeren Aufenthalten im Tal
des weitgehenden Vergessens immer wieder auftauchte, um zu beweisen,
dass sie zu den besten amerikanischen Liedermacherinnen ge-hört.
Vom Punk herkommend – ihre erste Band, die Avengers, zählte
zu den innovativsten des Genres –, avancierte sie ab 1987
zur weiblichen Ikone des Neo-Folk. Mit Alben wie „Birdboys"
(1987), „The whole world" (1993) und „Karmal
apple" (1994) gewann sie vor allem in Europa eine erstaunlich
große Fangemeinde für eine Musikerin, die immer weitab
vom Mainstream anzutreffen war. Mit „If this is a man’s
world, than I’m glad I’m a girl" hatte sie auch
so etwas wie einen Hit. Der Karrierebruch erfolgte, als sie mithilfe
eines Major Deals auch in ihrer Heimat den Erfolg zu erringen
versuchte, den sie außerhalb der Staaten hatte. Das Gegenteil
trat ein. Die Produktion einer neu abgemischten Best-of-CD für
den amerikanischen Markt mit einigen neuen Stücken verprellte
viele ihrer Anhänger und neue kamen nur wenige hinzu. Sie
tauchte einige Jahre ab, und das 1998 mit dem ehemaligen Green-
on-red-Gitarristen Chuck Prophet eingespielte „Tongue",
das neben der wunderbaren „Ballad of Happy Friday and Tiger
Woods" noch zahlreiche Titel enthielt, die den denen der Vorgängeralben
ebenbürtig waren, wurde kaum registriert.
Ein Wermutstropfen für langjährige Fans – nur
vier der „Eighteen Stories down", überwiegend
Stücke von „Birdboys", „The whole world"
und „Karmal apple", sind absolut neu, diese vier fügen
sich jedoch nahtlos in das Spektrum ihrer besten Songs, und die
abschließende zärtlich spröde Coverversion von
John Cales „Buffalo Ballet" ist einfach traumhaft schön.
Zu schön wäre es auch, wenn es demnächst wieder
einmal ein vollständig neues Album von Penelope Houston gäbe.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
|
31 Songs
Von Nick Hornby
Kiepenheuer & Witsch 2003, 160 Seiten,
14,90 Euro.
|
 |
|
„Ich schreibe Bücher, weil ich keine Popsongs schreiben
kann." Mit seinen Romanen „Fever Pitch" (Ballfieber),
„High Fidelity" und „About a boy" wurde
Nick Hornby nicht nur in seiner Heimat England zum gefeierten
Autor – alle Bücher wurden fürs Kino adaptiert,
und das „Literarische Quartett" kam ebenfalls nicht
am erfolgreichsten britischen Autor des letzten Jahrzehnts vorbei
und bewies bei der kenntnisarmen Besprechung von „About
a boy", das man nur über Dinge reden sollte, von denen
man etwas versteht.
Mit „How to be good", seinem letzten Buch, zeigte Hornby,
dass die Charakterisierung als so genannter Pop-Autor weit von
der Realität entfernt ist – und legt nun mit „31
Songs" ein Buch vor, das dieses falsche Image wieder zu bestätigen
scheint. Und das, obwohl es sich nur an Menschen wendet, die mit
populärer Musik etwas anzufangen wissen, keinesfalls tut.
Die „31 Songs" sind nicht unbedingt Hornbys Lieblingslieder,
es sind Stücke, die ihm als Anlass dienen, über sein
Leben und manchmal auch über das Leben schlechthin, über
Glaube, Liebe, Krankheit, Scheidung oder die kleinen und großen
Freuden des Alltags zu reflektieren – und zwar in einer
derart erfrischenden, bodenständigen Art, wie man ihr in
der heutigen Literatur viel zu selten begegnet. Umso besser, das
dies auch die Feuilletonisten so unterschiedlicher Zeitungen wie
der „FAZ" und der „taz" erkennen und das
Buch dermaßen euphorisch würdigen, dass es vielleicht
auch andere Leser als die findet, die ohnehin jeden neuen „Hornby"
kaufen. Gewarnt seien jedoch potenzielle Leser, die Popmusik bes-tenfalls
nebenbei hören und deren popmusikalischer Horizont bei Joe
Cocker, Tina Turner oder dem Klon von Mick Jagger endet, der auf
der jeweils letzten Stones-CD so tut, als sei er der Originalsänger
der einstmals besten Band der Welt. Dies wäre so, als hörte
man die „Drei Tenöre" und hielte sich für
einen Liebhaber klassischer Musik. Wer jedoch den „klassischen"
Drei-Minuten-Song liebt und weiß, dass ein Leben ohne Popmusik
sicher möglich, aber doch ein ganzes Stück weniger erfreulich
wäre, der wird an den „31 Songs" viel Vergnügen
haben. Hornbys Lieblingsstück ist Bruce Springsteens „Thunder
Road", von dem er schreibt, dass dieses Lied „weiß,
was ich fühle und wer ich bin, und das ist letztendlich eine
der tröstlichsten Eigenschaften von Kunst."
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
I
J
| Jayhawks: Rainy day music
(Lost Highway)
|
  |
|
Eigentlich hätte man es nicht mehr zu hoffen gewagt, dass
die Jayhawks noch einmal wirklich wiederkommen würden. Die
Band, die Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger einige Country-Folk-Pop-Alben
geschaffen hatte, die bis heute ihresgleichen suchen, und die
mit „Hollywood Town Hall" ein Americana-Monument für
die Ewigkeit (zumindest für die des Rezensenten) errichtete,
hatte nach dem Ausstieg von Mark Olson 1994 den Kompass verloren
und war richtungslos durch das popmusikalische Niemandsland gedriftet
– zwei CDs, die die Welt nicht wirklich brauchte, entstanden
während dieser musikalischen Durststrecke. Olson schmiedete
inzwischen in der kalifornischen Wüste mit seiner an MS erkrankten
Frau Victoria Williams ein Americana-Kleinod nach dem anderen
und brachte gerade mit „December" wiederum –
weitgehend unbemerkt von der übrigen Welt – ein echtes
Schmuckstück auf den Markt.
Mit dem „Rainy Day Music" – das auch an den heißesten
Sommertagen die Herzen wärmt – keinen Vergleich zu
scheuen braucht, denn das von Rick Rubin (der für die Produktion
der letzten vier formidablen Johnny Cash-CDs verantwortlich zeichnet)
und Ryan-Adams-Produzent Ethan Johns produzierte Album der zum
Trio geschrumpften Jayhawks ist die Rückkehr zu alter Höchstform.
Mit bittersüßem Harmoniegesang ohne jedes Saccharin
und feinen Widerhaken in den nur scheinbar leichtgewichtigen Stücken,
die dafür sorgen, dass die Platte bei jedem Hören wächst.
Und vor allem mit meisterlichem Songwriting. Jedes der zwölf
Lieder ist rundum gelungen– mit „Will I see you in
heaven" am Ende des Albums verabschieden sich die Jayhawks
hoffentlich nicht bis zum Paradies, sondern nur bis zur nächsten
himmlischen CD. Auf die man nicht wieder mehr als eine Dekade
warten möchte.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
K
L
M
N
| Randy Newman: Songbook
Vol.1 (WEA)
|
  |
|
„Oh it’s lonely at the top" heißt es in
einem von Randy Newmans Songs, die die Liebhaber seiner brüchig-ironischen
Preziosen in gute und Meisterwerke unterscheiden – ob er
uns
deswegen auf dem Cover einer Zusammenstellung von 18 Stücken
aus allen Schaffensperioden seiner mehr als 30-jährigen Karriere
den Rücken zukehrt? Oder ob er schlichtweg genug hat von
einem Musikgeschäft, in dem schlichter gestrickte Kollegen
wie Joe Cocker oder Tom Jones mit völlig fehlinterpretierten
Coverversionen von „You can leave your hat on" Erfolge
feierten, während er seinen Lebensunterhalt mit dem Komponieren
überaus erfolgreicher Filmmusik verdienen musste, obwohl
er für seine Lieder und Texte überschwäng-liches
Kritikerlob erntete und sich Liebhaber wie Wiglaf Droste vor jedem
seiner Songs am liebsten verneigen würden, wer weiß
es? Vielleicht wendet er sich ja auch mit Grausen von der Außenpolitik
der aktuellen amerikanischen Administration ab, auf die sein vor
vielen Jahren geschriebener Klassiker „Political science"
gemünzt sein könnte? In diesem Song lässt er einen
Landsmann über unliebsame Staaten und widerspenstige Bündnispartner
räsonnieren: „Asia’s crowded, and Europe is too
old … let’s drop the big one (= die Atombombe, die
Red.), there’ll be no one left to blame us." Als Newman
kürzlich in der Schweiz ein Konzert gab, blieb der sonst
übliche Lacher an dieser Stelle aus und der Sänger beschwerte
sich darüber, dass Donald Rumsfeld ihm mit seinen Litaneien
über das „alte Europa" einen Gag gestohlen habe.
Dem Songbook Vol. 1, dessen Lieder nur mit spartanischer Klavierbegleitung
eingespielt sind und Newman an den Anfang seiner Karriere zurückführen,
sollen zwei weitere Kompilationen folgen – so schön
es ist, einen Großteil des Newman’schen Schaffens
auf das Wesentliche reduziert zu hören, so sehr würde
man es sich wünschen, dass er nach inzwischen vierjähriger
Pause wieder einmal ein Album mit neuen Stücken vorlegt.
Falls er allerdings unter einem writer’s block leiden sollte,
hat er mit den Songbüchern einen mehr als zufrieden stellenden
Weg gewählt, um die Wartezeit zu verkürzen.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
O
| Marc Olson and the Creekdippers:
December’s Child (Glitterhouse)
|
  |
|
Irgendwann in den Siebzigern gründete der aus Minneapolis
stammende Mark Olson die Jayhawks, die mit „Hollywood town
hall" eine der berückendsten Songsammlungen des Americana-Sound
schufen. Mitte der neunziger Jahre verließ Olson die Band,
um seine Frau, die an multipler Skerose erkrankte Sängerin
Victoria Williams (deren sechs bisherigen CDs alle in die musikalische
Hausapotheke gehören), besser zu unterstützen. Auf ihrem
Anwesen in der kalifornischen Wüste haben sie seither, unterstützt
vom Violonisten Mike Russell und befreundeten Musikern vier Platten
im Homerecording-Verfahren aufgenommen; die neue CD „December’s
Child" entstand im Studio und ist die bisher gelungenste
Songsammlung der Band – elf abwechslungsreiche, melodische
Folkrockstücke mit Tiefgang für Herz und Hirn. Eine
wahre Klangoase in der Mainstreamwüste.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| Mark Olson and the Creekdippers
: Creekdippin for the first time
(Fargo)
|
  |
|
Wer nicht das Glück hatte, eines der herzerwärmenden,
intimen Konzerte der Creekdippers – Mark Olson (Gesang,
Gitarre, Harmonika), Ehefrau Victoria Williams (Gesang, Gitarre,
Banjo) und Mike Russell (Violine, Bass, Mandoline) zu bewundern,
wo die ersten drei im Homerecordingverfahren aufgenommenen CDs
bisher ausschließlich erhältlich waren, wird sich freuen,
dass jetzt eine Compilation vorliegt, die eine Auswahl der schönsten
der fragilen, meist melancholischen Kompositionen der Gruppe bringt,
die das Beste verkörpert, was die amerikanische Alternative-Country-Musik
zu bieten hat. Das Booklet ist übrigens außergewöhnlich
liebevoll und informativ gestaltet.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
|
P
Q
R
S
Shout out louds: Our ill wills (Haldern Pop/Rough Trade)
|
 |
|
Die beste Cure-CD seit Menschengedenken ist man versucht zu sagen, wenn man das Nachfolgealbum des 2005 erschienenen Debüts (Howl Howl Gaff Gaff) der schwedischen Band Shout out louds zum ersten Mal hört – und auch die Liebste fragte beim "ersten Mal" gleich nach The Cure. Doch man würde den im September 2007in Deutschland tourenden Musikern unrecht tun, wenn man sie als Epigonen der Veteranenband um Robert Smith abstempeln würde, und zudem ist "Our ill wills" um einiges ausgereifter als das ohnehin schon sehr gelungene Debüt und macht den Hörer mit seinem melancholischen melodieseligen Pop schlichtweg glücklich – mindestens für die Hördauer von 12 fein ziselierten Songperlen.
Bela Büsemann , UNIVERSITAS
.
|
| Sons of Jim Wayne: Sweet Madonna
(Indigo)
|
  |
|
Im Vorprogramm von Lucinda Williams spielte eine der zahllosen
Bands, deren Namen man schnell wieder vergisst und denen man eine
inspiriert zusammengestellt Musik vom Band vorgezogen hätte.
Einen perfekten Opener hätten jedoch die Sons of Jim Wayne
gegeben, die zwar aus deutschen Landen stammen, die man aber viel
eher in den amerikanischen Südstaaten vermuten würde.
Auf ihrem neuen Album präsentieren Stefan Kullik und Bernd
Uebelhoede eine perfekt abgehangene Sammlung von Songs, die –
so die Band selbst – den „Rock als Geburtshelfer"
(Stooges, Hüsker Dü), den „Country als „Taufpaten"
(Hank Williams) und den „Bluegrass als Bewährungshelfer"
(Dr. Ralph Stanley) haben. Der von schwungvollen Banjoklängen
angetriebene Auftaktsong „Angry man" lässt vermuten,
dass auch die irischen Pogues zu Zeiten
eines Shane McGowan in die von der Band verehrte Ahnenreihe gehören
könnten. Sicher jedoch ist, dass die wunderbare Gillian Welch
ihre Einflüsse hinterlassen hat, besonders manche Lieder
von Stefan Kullik brauchen sich vor den Bluegrass- und Alternative-Country-Songs
auf dem mit einem Grammy ausgezeichneten Soundtrack des Films
„Oh Brother where are thou" der Coen Brüder (Fargo)
nicht zu verstecken.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Joe Strummer: Streetcore (Hellcat/SPV)
|
  |
|
Auf einer im kommenden Jahr erscheinenden Sammlung der letzten
Aufnahmen Johnny Cashs wird auch ein Duett mit Joe Strummer, dem
ehemaligen Sänger von The Clash, zu hören sein: Bob
Marleys „Redemption Song", den Strummer auf diesem
posthum veröffentlichten und von Rick Rubin (der die letzten
großartigen Cash-CDs produzierte) betreuten Album allein
singt. Streetcore, nach Strummers Tod sorgfältig zu Ende
geführt, ist alles andere als Leichenfledderei – Soul,
Rock und Blues auf höchstem Niveau – ein würdiger
Abschied fürwahr.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| South San Gabriel: Convalescence
(Munich/Volume 11)
|
  |
|
Bereits vor einigen Monaten veröffentlicht, aber doch die
perfekte Platte für den Herbst: South San Gabriels zweites
Album nach Songs/Music ist wieder ein minimalistisches, melancholisches
Meisterstück mit acht Songs, die sich Zeit nehmen, in aller
Ruhe zu Klanglandschaften ausbreiten und den Hörer mitnehmen
in die Stunden nach Mitternacht. Song-schreiber Will Johnson aus
Texas hat für dieses Projekt wieder all seine Mitstreiter
von seiner Hauptband Centro-Matic versammelt, und fast scheint
es so, als würde er die ruhigen Momente für South San
Gabriel reservieren. Wer Lambchop mag, Will Oldham alias Bonnie
Prince Billie schätzt und die Klangcollagen von Calexico
zu goutieren weiß, ist mit South San Gabriel auf der sicheren
Seite. Kommen eben aus Austin/Texas, die Jungs.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
T
| Richard Thompson: The old kit
bag (Cooking Vinyl)
|
  |
|
„Zum ersten Mal sah ich ihn und seine Exfrau Linda live
1977, und sie sahen aus wie Figuren von Thomas Hardy (…)
Thompsons ausgezehrtes, gequältes, altmodisches Gesicht erinnerte
mich an den armen Jude Fawley und seine glücklosen Versuche,
in Oxford zu studieren. Linda trug einen Kittel und ein Kopftuch,
saß auf einem Stuhl (…) und wirkte elend, so als würde
Thompson versuchen sie zu verkaufen." So schreibt Nick Hornby
in „31 Songs" über „Cavalry Cross",
einen Thompson-Song, in dem man ein England hören kann, „über
das Blake und die Brontës geschrieben haben, ein alter unheimlicher
Ort voller finsterer satanischer Bauern und heulender Winde, wo
Fußball mit einer Schweinsblase gespielt wird und ähnliche
Dinge mehr".
Richard Thompson ist der wohl britischste aller Folkrocksänger
und hat in seiner über 35-jährigen Karriere (die 1967
mit der Gründung der legendären Fairport Convention
begann) zahlreiche großartige Platten aufgenommen, darunter
die sechs Alben, die 1974 –1982 mit seiner damaligen Frau
Linda entstanden. Obwohl Thompson die unterschiedlichsten Stile
in seine Musik integrierte und unter anderem mit den Avantgardemusikern
John French, Fred Frith und Henry Kaiser zusammenarbeitete, ist
sein Gitarrenspiel ebenso einmalig und unverwechselbar wie seine
Stimme, die jede seiner Auf- nahmen prägt. So auch auf der
neuen CD, gleichsam ein Destillat seines bisherigen Schaffens
und daher auch gut geeignet, wenn man bisher noch nie etwas von
Richard Thompson gehört hat. Wozu man allerdings entweder
auf einem anderen Planeten leben muss oder sich für populäre
Musik nicht wirklich interessiert.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
Tres Chicas: Sweetwater (Yep Roc))
|
 |
|
Schönheit pur: perfekter Harmoniegesang, überzeugende Kompositionen und die kongeniale Produktion Chris Stameys (der gerade selbst mit einem überaus gelungenen Album, einer Zusammenarbeit mit Yo la tengo, Aufsehen erregt hat) machen Sweetwater zur schönsten Folk/ Country/Singer-Songwriter-CD des letzten Jahres. Caitlin Cary (seinerzeit musikalische Partnerin von Ryan Adams bei Whiskeytown, Tonya Lamm von Hazeldine und Lynn Blakey, die sonst bei Glory Fountain singt, bilden mit Eigenkomositionen und exquisiten Coverversionen ein weibliches Dreamteam, das das Warten auf die nächste Lucinda Williams-CD auf das Angenehmste verkürzt.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
TRES CHICAS und IAN MOORE auf Tournee (Yep Roc)
24.04. Duisburg, Hundertmeister
25.04. Hamburg, Knust
26.04. Halle, Objekt 5
27.04. Berlin, Café Zapata
29.04. Geislingen, Rätschenmühle
23.04. NL-Utrecht, Blue Highway Festival
30.04. CH-Rubigen, Mühle Hunziken
01.05. Frankfurt, Dreikönigskeller
|
U
|
Uncle Tupelo:
No depression/Still feel gone/
March 16–20, 1992
(alle Columbia/Sony Legacy)
Anodyne (Sire/WEA)
|
 |
|
Vor einigen Monaten erinnerte „Uncle Tupelo 89–93:
An Anthology" mit einem Querschnitt durch das Schaffen der
Herren Jeff Tweedy (heute Wilco) und Jay Farrar (heute solo oder
mit Son Volt) daran, was mit der Trennung der beiden 1994 verloren
ging. Nun sind die vier Platten der Band klangtechnisch überarbeitet
worden und sind mit bisher unveröffentlichten oder schwer
erhältlichen Bonusstücken und schönen Booklets
auf dem Markt. „No depression" – die Coverversion
eines Liedes der Carter Family war zugleich Name der ers-ten CD
und Programm. Eine ganze Musikrichtung in den USA lief unter diesem
Label: eine Mischung aus den Traditionen der Vergangenheit (Country,
Bluegrass und Folk) und Anleihen aus Punk und Grunge. Der auf
dem bereits überzeugenden Debüt eingeschlagene Weg wurde
1991 mit „Still feel gone" fortgesetzt; insgesamt ist
die CD, die ausschließlich Eigenkompositionen enthält,
in sich geschlossener.
Ihr Meisterstück lieferte die Gruppe dann mit March 16-20,
1992, einer
stilistischen Kehrtwendung par excellence, ab: Von R.E.M.-Mastermind
Peter Buck spartanisch, rein akustisch arrangiert, tauchte die
Band ein in das tiefdunkle Herz des amerikanischen Westens. Von
den zahlreichen American Folk Traditionals heben sich die eigenen
Stücke kaum ab – das Album geriet zu einem Klassiker
des Genres, danach konnte man auf eine Weiterentwicklung nicht
mehr hoffen.
Doch bevor es 1994 dann zum Split der beiden gegensätzlichen
Charaktere kam, erschien mit „Anodyne" (nach einem
Wechsel des Labels bei Sire Records) ein weiteres Opus mag-num.
Auch hier Traditionspflege im besten Sinn und einige wahrhaft
unwiderstehliche Melodien. „Anodyne" hat die überzeugendsten
Bonus-Tracks der Reihe – unverzichtbar Jay Farrars „Are
you sure Hank (Williams) done it this way".
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
V
W
| Rufus Wainwright: Want one
(Dreamworks/Universal)
Loudon Wainwright III:
So damn happy (Sanctuary)
|
  |
|
„This record is dedicated to me", schreibt Rufus Wainwright,
Sohn der Folk-Sängerin Kate McGarrigle und von Loudon Wainwright
III., der gerade mit „So damn happy" das ungefähr
20. Album in seiner 33-jährigen Karriere vorlegt, im Booklet
zu „Want one", seiner inzwischen dritten Produktion.
Vielleicht weil er glaubt, dass niemand ihm folgen will auf seiner
Reise durch 14 kunstvolle Songs voller Grandezza und Emotionen?
– von kommerziellem Selbstmord gar, wie man ihn reizvoller
kaum begehen kann, war im Spiegel die Rede. Manchmal hart an der
Grenze zum – immerhin großen – Kitsch wie im
Opener „Oh what a world", der Ravels Bolero zitiert,
aber eben nie über der Grenze, an der das überbordende
Gefühl im Bombast erdrückt wird. Große Musik,
der hoffentlich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den beiden
leider weitgehend unbemerkten Vorgänger-CDs und seinem Vater
Loudon, der zwar ein inzwischen doch sehr umfangreiches Gesamtepos
aufweist, jedoch trotzdem nie den ganz großen Durchbruch
geschafft hat, wie er einem Künstler mit seinen immensen
Fähigkeiten gebühren würde.
Dafür ist der Singer/Songwriter Loudon Wainwright wahrscheinlich
doch zu subtil und Themen wie Einsamkeit, Angst vor dem Alter,
Tod und Beziehungsverwerfungen sind auch nicht unbedingt der Stoff,
aus dem Hits für den Massenmarkt geschnitzt werden. Mögen
sich die Eingeweihten erfreuen an einem entspannten Live- Album,
das mit Unterstützung von kongenialen Musikern wie dem allgegenwärtigen
Richard Thompson (Gitarre), dem musikalischen Alleskönner
Van Dyke Parks (Piano) und David Mansfield (Gitarre, Mandoline)
eingespielt wurde und als einen unter vielen Höhepunkten
ein Duett mit Tochter Martha „You’ll never phone"
aufweist.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| White Stripes: Elephant (XL Recordings/Beggars/Zomba)
|
 |
 |
Auf dem Cover des Rolling Stone, im Vorprogramm der Rolling Stones,
Elogen in der „FAZ" und im „Spiegel", in
der „Süddeutschen Zeitung" von Karl Bruckmair
geadelt, höchstes Lob allüberall – fast muss man
befürchten, dass die White Stripes nur allzu schnell ein
Opfer eines gigantischen Hype werden könnten, doch eben nur
fast. Denn auch die neue, inzwischen vierte CD des aus Jack (Gitarre)
und Meg White (Schlagzeug) bestehenden Duos aus Detroit ist trotz
oder gerade wegen des konsequenten Verzichts auf einen Bass wieder
perfekt. Gerade weil sie alles andere als „perfekt"
ist. Das einst kurz verheiratete Paar zelebriert seine in nur
zwei Wochen mit einem mehr als bescheidenen Budget, aber umso
mehr eigenwilligem Charme aufgenommenen minimalistischen Lo-Fi-,
Blues- und Rock’n’Roll-Fragmente mit einer sich um
keinerlei Erwartungshaltung scherenden, nur den eigenen Vorlieben
verpflichteten Inbrunst, die mehr als nur Hoffnung macht, dass
die beiden noch viele brachiale Soundkollagen und unwiderstehliche
Preziosen wie das mit Gastsängerin Holly Golightly eingespielte
„It’s true that we love one another" oder das
balladeske
„I just don’t know what to do with myself" (Burt
Bacharach) aus dem Ärmel schütteln werden. Übrigens
werden auf Geheiß des inkonditionellen Robert-Johnson-Verehrers
und eingeschworenen Traditionalisten Jack White an Rezensenten
nur Vinylschallplatten verschickt, weil er möchte, dass seine
Musik nur von Leuten besprochen wird, die einen Plattenspieler
ihr Eigen nennen. Wohl getan!
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| Peter Wolf: Sleepless (Epic/Sony)
|
 |
|
| „First I look
at the purse" von der J. Geils Band ist einer der „31
Songs" in Nick Hornbys gleichnamigem Buch (siehe oben). Mitte
der siebziger Jahre verkörperte diese Band für ihn den
Sound des jungen Amerika – „laut, exotisch, cool, wild".
Der Sänger der Gruppe war Peter Wolf, und dieser phänomenale
Stimmakrobat, der sich im Blues, Country und Soul gleichermaßen
zu Hause fühlt, hat gerade eine neue Platte herausgebracht,
die an die besten Zeiten der Rolling Stones (zur Zeit von „Exile
on Main Street") erinnert, und tatsächlich unterstützen
Keith Richards und Mick Jagger (der hier anders als auf seinen eigenen
Produktionen der letzten Jahre noch einmal beweist, dass er einer
der besten Rhythm &Blues-Sänger ist, wenn das Material
ihn inspiriert). Und die Songs auf diesem Album sind durchweg sehr
gut bis erstklassig – Wolf hat sich an einen Rat gehalten,
den ihm Harlan Howard, ein von ihm verehrter Songwriter aus Nashville,
gegeben hat: „Keep it all simple and tell the truth."
Wer Ryan (nicht Bryan!) Adams liebt, Steve Earle (der hier auch
mitwirkt) mag, Van Morrison und Bob Dylan schätzt, wem Namen
wie Otis Rush, Sonny Boy Williamson und Smokey Robinson nach etwas
„klingen", der wird sich in dieser schon jetzt zeitlosen
Scheibe, die fernab des heimatlosen Stadionrocks aufgenommen wurde,
sofort heimisch fühlen.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
|
| Hank Williams: No more
darkness (Trikont)
|
 |
 |
„I said to Hank Williams: How lonely does it get? Hank Williams
hasn’t answered yet" (Leonard Cohen: Tower of Song).
Am Silvesterabend 1952 starb auf dem Rücksitz eines Cadillac
auf dem Weg zu einem Konzert irgendwo in Tennessee mit 29 Jahren
einer der größten Songschreiber des 20. Jahrhunderts
– Hiriam Williams, genannt Hank. „I saw the light"
– scheinbar fröhlich beginnt die CD „No more
darkness", die 27 seiner besten Stücke vereint, doch
das Motto, dass das Leben von Hank Williams bestimmte, lautete
eher „I’ll never get out of this world alive",
das nicht umsonst am Schluss dieser Song-sammlung steht. „Abgerechnet
wird zum Schluss" heißt es daher auch in den Liner-Notes
für das Booklet, die Franz Dobler (unlängst Autor einer
Johnny-Cash-Biografie im Antje Kunstmann Verlag) verfasste. Immer
am Rande des Abgrunds, stets mit dem chronischen Alkoholismus
ringend, ein puritanisch frommer Amerikaner, in unglückliche
Beziehungen verstrickt – eine zerrissene Existenz: Keine
notwendigen, aber doch immerhin beste Voraussetzungen, um herzzereißende,
selbstironische, witzige und ergreifende Countrysongs (weit entfernt
von dem mal pathosbeladenen, mal debil jodelschunkelnden Nashville-Country)
zu schreiben, die von Hunderten von Sängern und Sängerinnen
in unterschiedlichsten Musikstilen (von Al Green, Johnny Cash,
Dinah Washington, Ryan Adams und und und) gecovert wurden –
obwohl keiner sie besser singen konnte als Hank Williams. Beweis
ist diese CD-Sammlung, die es sogar mit der von mir auch aus durchaus
privaten Gründen hoch geschätzten, von Matt Johnson
(The The) zusammengestellten Compilation „Alone and forsaken"
aufnehmen kann.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
| Lucinda Williams: World without
tears (Lost highway/Universal)
|
  |
|
Als Lucinda Williams, die oft spröde und unzugänglich
wirkende Großmeisterin des Alternative-Country, Mitte Mai
zum Auftakt ihrer kleinen Deutschlandtournee in der Darmstädter
Centralstation auf die Bühne stieg, war klar, dass die inzwischen
50-Jährige trotz ihrer notorischen Flugangst (Gerüchten
zufolge soll sie mit der „Queen Elizabeth II." den
langen Weg über den Antlantik gefahren sein) tatsächlich
den Weg nach Deutschland gefunden hatte. Zur Freude eines überwiegend
mehr oder minder ehrenhaft ergrauten Publikums, das erleichtert
feststellen durfte, dass die labile Texanerin bestens bei Stimme
war: ein „Drunken Angel" – so der Auftakt des
Konzerts – war die Tochter des amerikanischen Dichters Miller
Williams zumindest nicht an diesem Abend, an dem sie ihr neues
großartiges Al- bum „World without tears" vorstellte,
das nach dem ruhigeren „Essence" wieder rauer daherkommt
und sich schon beim ersten Hören als ein großer Wurf
erweist. Ob es nun die großartigste Platte ist, die sie
je aufgenommen hat – so der „Spiegel", fällt
angesichts durchweg bemerkenswerter (die ersten vier, beginnend
1979 mit dem stark an Hank Williams orientierten Ramblin’
on my mind bis zum 1992er Album Sweet old world) bis einzigartiger
Alben (Car wheels on gravel road 1998, Essence 2001 und jetzt
World without tears) schwer zu beurteilen, doch tut dies letzlich
auch nichts zur Sache, wenn man – mit Ausnahme des etwas
richtungslos vor sich hin rockenden „Atonement" –
zwölf großartige bluesige Balladen und Mid-tempo-Songs
zwischen Folk, Rock und Country mit einer unverwechselbaren Stimme
serviert bekommt. Zu der intimen Atmosphäre und dem erdigen
natürlichen Sound trug auch die kongeniale Produktion bei
– die CD wurde live im Wohnzimmer einer alten, zum Studio
umgebauten Villa aufgenommen. Songs wie Those three days, Words
fell, Righteously oder das an beste Rolling-Stones-Urzeiten gemahnende
Bleeding fingers klingen schon jetzt wie Klassiker – wobei
auch die anderen Songs nicht weniger prägnant und unaufdringlich
eindringlich sind.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
| Gillian Welch: Soul
Journey
(Acony/WEA)
|
  |
|
Noch nicht so lange dabei wie Emmylou Harris ist Gillian Welch,
hierzulande wahrscheinlich am bekanntesten durch ihre famosen
Beiträge zu dem Soundtrack des skurrilen Coen-Brothers-Film
„Oh Brother, where are thou?", wo sie auch ein Stück
gemeinsam mit Emmylou und der wunderbaren Alison Krauss singt.
Das es ihre „sonnigste Platte" sei, kann nur glauben,
wer die drei extrem karg instrumentierten (zwei Gitarren und ab
und zu ein Banjo), intensiv gesungenen (zwei Stimmen,
G. Welch und Dave Rawlings) und unglaublich eindringlichen Vorgängerwerke
kennt. Denn Soul Journey ist trotz etwas üppigerer Instrumentierung
(Geige, Gitarre, Bass, Dobro) wieder eine wahre „Soul Journey"
– mit unverwechselbarer Stimme interpretierte dunkle Country-Folk-Blues-Klassiker,
herzergreifend, -erwärmend und zeitlos schön.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS
.
|
X
Y
| Yo la tengo: Summer sun
(Matador/Beggars Group/Zomba)
|
  |
|
Ebenfalls eine perfekte Sommerplatte ist Yo la tengo gelungen,
dem rührigen Ehepaar aus Hoboken (New Jersey), das sich seit
rund zwei Jahrzehnten voller Neugier und Improvisationslust unterschiedlichen
Musikstilen widmet und dennoch immer unverwechselbar geblieben
ist. Dieses Mal klingen ihre bekannten musikalischen Vorlieben
(Velvet Underground, Kinks, Garagenrock) nicht so durch wie sonst.
Im Studio in Nashville unterstützen sie einige Free-Jazz-Musiker
der New Yorker Szene (Roy Campbell/Trompete; Daniel Carter/Saxofon
und Flöte; Sabir Mateen/Saxofon und Flöte; William Parker/Bass),
die sich bei aller Lust an der Improvisation dennoch so weit zu
zügeln wissen, dass die Vorzüge, die der freien Form
innewohnen
können, noch zum Tragen kommen, ohne dass die melodiegetränkten
Songs bis zur Unkenntlichkeit zerfransen.
Die Stücke bewegen sich zwischen Melancholie (die nie kraftlos
daherkommt) und verhaltenem Optimismus; die leicht unwirkliche
Stimmung, die das Cover mit den verwischten Gestalten vor einem
fahlen Himmel evoziert, wird auch in manchen Songs aufgegriffen,
die dennoch nie diffus verplätschern. Summer Sun endet mit
einem gar nicht sommerlichen Titel, einer fragil-flüchtigen
Interpretation des Alex-Chilton-Klassikers „Take care".
Der Herbst kann kommen.
Julius Philipp Sauer, UNIVERSITAS.
|
Z
Zurück
DVDs
| The Miles Davis Story (DVD/Sony)
|
  |
|
Wer sich einen kompakten Überblick über das Schaffen
eines der bedeutendsten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts machen
möchte, ist mit der DVD „The Miles Davis Story"
bestens bedient. Von den musikalischen Anfängen über
Bebop, „Birth of the cool", den improvisierten Soundtrack
zu Louis Malles Filmklassiker „Fahrstuhl zum Schafott",
„Sketches of Spain", die Quintette in den fünfziger
und sechziger Jahren bis hin zu den elektronischen und Free-Jazz-Ausflügen
und dem „Popmusiker" in den Achtzigern wird eine Musikerbiografie
erzählt, in der die Karrierestationen im Vordergrund stehen,
Privates jedoch nicht zu kurz kommt. Für Einsteiger perfekt,
aber auch echte Miles-Davis-Jünger werden sich an manch rarer
Konzert- oder Session-aufnahme erfreuen.
Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.
|
Zurück
Konzerte
Kristofer Aström & The Rainaways Live
Der schwedische Singer/Songriter, der mit seinem Album "Northern Blues" gewissermaßen ein eigenes Genre geschaffen hat, kommt wieder. Diesmal mit Band.
09.04.08 DE Bremen, Römer
10.04.08 DE Bielefeld, Forum
11.04.08 DE Hannover, Café Glocksee
12.04.08 DE Bonn, Harmonie WDR
13.04.08 DE Karlsruhe, Jubez
14.04.08 DE Wiesbaden, Schlachthof
16.04.08 DE Heidelberg, Karlstorbahnhof
17.04.08 DE Freiburg, Mensabar
19.04.08 CH Solothurn, Kopfmehl
21.04.08 AT Wien, Chelsea
22.04.08 DE München, Atomic Café
23.04.08 AT St. Pölten, Cinema Paradiso
24.04.08 DE Dresden, Beatpol
25.04.08 DE Marburg, KFZ
26.04.08 DE Magdeburg, Projekt 7
27.04.08 DE Berlin, Kino Babylon
29.04.08 DE Hamburg, Knust
30.04.08 DE Kiel, Weltruf
Informationen findet ihr unter: http://www.rewika-promotion.de/artists/kristofer-astroem-tour/
Booking:
http://www.2fortheroad.de
Aktuelles Album:
Rainaway Town (Startracks/Universal)
VÖ: 18.04.2007
---------------------------------------------
Christian Kjellvander
Zudem kommt der aus Schweden stammende Singer/Songwriter Christian Kjellvander - sein Labelboss Fredrik Holmgren vergleicht das aktuelle Album "I Saw Her From Here / I Saw Here From Her" mit der leider nicht mehr zustande gekommenen Kolloboration von Townes Van Zandt und Steve Shelley von Sonic Youth. Und er hat Recht. So dunkel und gleichzeitig majestätisch funkelnd wie jenes , hätte auch dieses klingen können.
21.02.08 DE Kiel, Weltruf
22.02.08 DE Rostock, Mau Club
23.02.08 DE Höxter-Albaxen, Tonenburg
24.02.08 DE Dresden, Starclub
25.02.08 DE Berlin, Kino Babylon
26.02.08 DE Hamburg, Knust
27.02.08 DE Erlangen, E-Werk
28.02.08 DE Heidelberg, Karlstorbahnhof
29.02.08 DE München, 59:1
01.03.08 AT Innsbruck, Bierstindl
02.03.08 AT Wien, Chelsea
03.03.08 AT Graz, PPC
06.03.08 CH Bern, ISC
07.03.08 DE Freiburg, White Rabbit
08.03.08 DE Wiesbaden, Schlachthof
09.03.08 DE Fulda, Kulturkeller
S. Hirzel
Verlag
|
|