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Ludwig van Beethoven: Sinfonien
1-9, 5 CD-Box (EMI)
Ludwig van Beethoven: Sinfonien
1-9, 5 Einzel-CDs (hänssler classic)

 

 


Ob jedes Orchester von einigem Rang unbedingt mit mindestens einem Gesamtzyklus der Sinfonien Beethovens auf dem Tonträgermarkt präsent sein muss, um seinen künstlerischen Standard zu dokumentieren, ist angesichts der katastrophalen ökonomischen Lage, in der sich sowohl Plattenfirmen wie Einzelhandel befinden, mehr als fragwürdig. Und doch geschieht eben dies. Zur Zeit stehen gut zwei Dutzend teils ältere, teils neuere und neueste Einspielungen der Beethoven-Sinfonien zur Auswahl.
Nachdem erst kürzlich David Zinman mit dem Tonhalle Orchester Zürich bei Arte Nova eine von Kritik und Publikum gleichermaßen hochgepriesene Einspielung der Beethoven’schen Sinfonien vorgelegt hat, wetteifern jetzt zwei weitere Produktionen um die Käufergunst: Sir Simon Rattle mit den Wiener Philharmonikern (bei EMI) und Sir Roger Norrington mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart (bei hänssler classic). In beiden Fällen handelt es sich um Live-Mitschnitte: Rattle konzertierte im Rahmen der Wiener Festwochen 2002 mit den Philharmonikern im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins und Norrington anlässlich des Europäischen Musikfestes 2002 in der Stuttgarter Liederhalle. Während die Rattle-Box in elegant-üppiger Ausstattung sozusagen „gehobene Konsumentenschichten" anzusprechen sucht, geben sich die Einspielungen Norringtons bescheidener: Sie sind auf fünf CDs einzeln erhältlich.
Obwohl beide Neuproduktionen auf der im Jahre 2000 vollendeten wissenschaftlichen Notenausgabe von Jonathan del Mar bei Bärenreiter basieren, unterscheiden sich die Interpretationen Rattles und Norringtons in weiten Teilen grundlegend voneinander. Während Rattle den musikalischen Fluss teils beträchtlich verlangsamt, teils ungewöhnlich be- schleunigt, was den Eindruck einer gewissen Unausgewogenheit hervorruft, bleibt Norringtons Wiedergabe durchgängig stringent und überzeugt eben dadurch. Gewiss kann das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart trotz seines auch international hohen künstlerischen Stellenwertes es klanglich nicht mit den Wiener Philharmonikern aufnehmen. Wer wollte darüber streiten? Aber in der Bewertung der interpretatorischen Leistung liegt Norringtons Beethoven eindeutig vor dem Rattles.


Adelbert Reif, UNIVERSITAS




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Sofia Gubaidulina: Johannes-Passion.
2 CD-Box (hännsler classic) )

 


Seit zwei Jahrzehnten gehört die 1931 in Tschistopol an der Wolga in der Tatarischen Republik geborene Sofia Gubaidulina mit Alfred Schnittke und Edison Denissow zu den führenden, weltweit anerkannten Komponisten Russlands der Ära nach Schostakowitsch. Alle drei werden von der gegenwärtigen russischen Musikgeschichtsschreibung als die Vertreter der einheimischen Avantgarde ausgewiesen. Dennoch unterscheidet sich das Œuvre Gubaidulinas von dem ihrer vor kurzem verstorbenen Weggefährten in vieler Hinsicht. Ihre überwiegend religiös, zumindest spirituell geprägten Werke, in denen sie neue Klangmuster erprobt, mit Formen und Strukturen experimentiert und ungewöhnliche Verbindungen zwischen textlichem und musikalischem Material herstellt, zeichnen sich durch unbeirr-bare Eigenständigkeit aus. Eines der jüngsten Werke, die während des Europäischen Musikfestes 2000 in Stuttgart vom St. Petersburger Kammerchor und dem Chor des Mariinsky-Theaters St. Petersburg unter Valery Gergiew uraufgeführte „Johannes-Passion", zeigt das besonders deutlich.
Die Johannes-Passion für Soli, zwei Chöre, Orgel und Orchester nimmt unter den inzwischen beträchtlich angewachsenen „Vertonungen" dieses Textes eine herausragende Stellung ein. Um der Berichterstattung des Johannes eine „absolut außerzeitliche Konzeption" gegenüberzustellen, verbindet Gubaidulina das Evangelium mit der Vision des Hellsehers Johannes vom Jüngsten Gericht. „Die lang ausgehaltenen Töne eines Instruments werden von Glissando-Klängen eines anderen durchkreuzt; die Schnittpunkte werden jedes Mal akzentuiert"(Gubaidulina). So entsteht eine Art „Responsorium", in dem die Episoden der Johannes-Passion die Rolle der Fragen spielen, während die Rolle der Reaktionen auf die Fragen von den Abschnitten der Apokalypse übernommen wird. In Russisch abgefasst, ist die Komposition vor allem als persönliches Bekenntnis zu verstehen. „Ich liebe Jesus so, wie ihn Johannes sieht. Die Kluft zwischen den Konfessionen macht mich traurig, das Urchristentum war anders gestimmt. Jesus lebt in unseren Herzen und nicht im Dogma. So habe ich mich entschlossen, ein überkonfessionelles Werk zu schreiben. Als Künstlerin bin ich nur mir selbst verantwortlich, da ist es nur von Wichtigkeit, mir selbst treu zu sein."

Adelbert Reif, UNIVERSITAS


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Paul Hindemith: Die Harmonie der Welt. WER 6652 2 (3-CD-Box)

 

Als Paul Hindemiths Kepler-Oper „Die Harmonie der Welt" am 11. August 1957 im Münchner Prinzregententheater in der Regie von Rudolf Hartmann und unter der musikalischen Leitung des Komponisten zur Uraufführung gelangte, war dies ein Kultur- und Medienereignis, das sich am ehesten mit der Premiere einer neuen „Ring"-Inszenierung in den damaligen großen Tagen Bayreuths vergleichen ließ. Mit über 150 Kritikern war die gesamte Weltpresse vertreten. Und auch die Star-Dirigenten Böhm, Karajan, Kempe und Mitropoulos saßen im Parkett. Von allen Sendern der Bundesrepublik sowie von den Rundfunkanstalten in England, Frankreich, Italien, der Tschechoslowakei und bemerkenswerterweise sogar der DDR wurde die Aufführung übertragen. Am Schluss stand Paul Hindemith im Mittelpunkt stürmischer Ovationen.
Im Gegensatz dazu war die Reaktion der Presse skeptisch bis verletzend herablassend. „Das Sujet der Oper und Hindemiths Intentionen wurden vollständig verkannt", bemerkt denn auch der Hindemith-Kenner Giselher Schubert im Rückblick. In einer Zeit, da alle Hoffnungen auf die Schaffung einer „Harmonie der Welt" in den Fortschritten der zeitgenössischen Wissenschaft kulminierten, war die Infragestellung eines harmonikalen Lebens- und Weltentwurfs, wie ihn Hindemiths anspruchsvolles Sujet beinhaltet, nicht geboten. Infolgedessen teilt diese Oper das Schicksal mit einer Reihe anderer, „ideengeschichtlich" umstrittener, weil sich gegen ihre Zeit stellende Musikwerke des 20. Jahrhunderts, etwa Pfitzners „Palestrina", Kreneks Karl V. oder Messiaens „Saint François d'Assise".
Jetzt hat das Label Wergo im Rahmen seiner großen Hindemith-Edition – und gleichsam als Höhepunkt seines im Herbst 2002 begangenen 40-jährigen Jubiläums – die erste komplette Einspielung dieser Oper in einer 3-CD-Box mit knapp gefasstem, aber informativen Werkkommentar und dreisprachigem Libretto herausgebracht. Wesentlich initiiert vom Dirigenten der Produktion, Marek Janowski, stehen außer dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor Berlin namhafte Solisten für eine künstlerisch hochrangige Aufnahme. So bietet sich nun die Möglichkeit, Hindemiths Meisterwerk – und damit eines der zentralen Werke des Musiktheaters des 20. Jahrhunderts – in einer fulminanten, sowohl im Orchestralen wie im Solistischen exzellent durchhörbaren Einspielung kennen zu lernen. Bliebe nur noch zu wünschen, dass diese Produktion möglichst viele Opernchefs dazu anregen möge, Hindemiths „Harmonie der Welt" auf ihre Spielpläne zu setzen und diesem Werk endlich jenen Rang zuzubilligen, der ihm gebührt.

Adelbert Reif, UNIVERSITAS

 



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Herbert Kegel: Legendary recordings. 15-CD-Box. (edel Classics)

Otmar Suitner: 80th Anniversary Special Edition. 11-CD-Box. (edel Classics)


 

Es scheint, als würden die Namen vieler führender Dirigenten der DDR erst jetzt ins Bewusstsein einer breiteren musikinteressierten Öffentlichkeit in den Alt-Bundesländern treten. Zwar hatten Größen wie Franz Konwitschny, Kurt Sanderling, Herbert Kegel oder der Österreicher Otmar Suitner immer wieder Gelegenheit, mit ihren Orchestern im Westen zu gastieren, aber sie wurden keine wirklichen „Publikumsbegriffe".
Dank der Aktivitäten von edel Classics sind jetzt die wichtigsten Aufnahmen der genannten „DDR-Stars" allgemein zugänglich. Nach zwei Boxen mit Einspielungen von Franz Konwitschny und einer 16 CDs umfassenden Box mit Aufnahmen Kurt Sanderlings werden nun Sammlungen von Herbert Kegel (15 CDs) und Otmar Suitner (11 CDs) präsentiert.
Der Dresdner Herbert Kegel (1920 bis 1990), unter anderem Schüler von Boris Blacher (Komposition) und Karl Böhm (Orchesterleitung), wurde 1953 Dirigent des Großen Rundfunkorchesters Leipzig, 1958 Generalmusikdirektor und 1960 Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonie-Orchesters Leipzig. 1977 berief man ihn zum Chefdirigenten der Dresdner Philharmoniker. Kegel lag vor allem die unter den kulturpolitischen Bedingungen der DDR nicht risikofreie Pflege zeitgenössischer Musik am Herzen: Berg, Schostakowitsch, Nono, Henze und Penderecki verdanken ihm hervorragende Aufführungen ihrer Werke. Was die Komponisten der DDR anbelangt, widmete er sich insbesondere dem Schaffen von Eisler, Wagner-Régeny, Schenker und Dessau. Herausragend waren seine Einspielungen von Dessaus „Die Verurteilung des Lukullus" und Schönbergs „Moses und Aron". Die Ke- gel-Box enthält darüber hinaus
Werke von Bartók, Berlioz, Britten, Goldmann, Hindemith, Mahler, Meyer, Mussorgsky, Orff, Prokofiev, Sibelius, Strawinsky, Vivaldi und Webern. Es spielen das Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig, das Rundfunk-Kammerorchester Leipzig sowie die Dresdner Philharmonie. Außerdem wirken mit: der Rundfunkkinderchor Leipzig, der Rundfunkchor Leipzig, die Dresdner Kapellknaben, der Rundfunkchor Berlin, der Prager Männerchor und verschiedene Gesangs- und Instrumentalsolisten.
Alles in allem dokumentieren die zwischen 1960 und 1989 erfolgten Einspielungen einen nahezu durchweg außergewöhnlich hohen künstlerischen Standard.
Diese Beurteilung gilt auch für die „80th Anniversary Special Edition" Otmar Suitners. Der gebürtige Österreicher Suitner verdankt seine Ausbildung zum Dirigenten dem Richard-Strauss-Spezialisten Clemens Krauss am Mozarteum in Salzburg. Er avancierte ebenfalls bald zu einem exzellenten Strauss- und Wagner-Experten. 1960 ging er in die DDR und übernahm die traditionsreiche Dresdner Staatskapelle als Chefdirigent. Schon zwei Jahre später wechselte er als Generalmusikdirektor an die Berliner Staatsoper, an der er wahre Triumphe feiern konnte. Neben dem traditionellen österrei-chisch-deutschen Repertoire setzte sich Suitner auch für „Heikles" ein, etwa Marschners „Hans Heiling" oder Pfitzners „Palestrina". Die Suitner-Box umfasst Einspielungen von Werken Bruckners, Dvoráks, Hindemiths, Humperdincks, Mozarts, Pfitzners, Strauss‘, Tschaikowskys, Volkmanns, Webers und Wolfs, ausgeführt von der Staatskapelle Dresden, dem Rundfunk-Sinfonie-Orchester Leipzig, dem Gewandhausorchester Leipzig, der Staatskapelle Berlin, Mitgliedern des Dresdner Kreuzchors und prominenten Gesangssolisten wie Theo Adam und Peter Schreier. Dass Otmar Suitners interpretatorische Leistungen über drei Jahrzehnte – die Aufnahmen stammen aus den Jahren 1964 bis 1990 – durch die DDR-Firma Eterna/VEB Deutsche Schallplatten so intensiv begleitet wurden, darf als ein ausgesprochener Glücksfall bezeichnet werden.


Adelbert Reif, UNIVERSITAS


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Giya Kancheli: „Symphonies No. 1 bis 7", Tbilisi Symphony Orchestra. Dirigent: Djansug Kakhidze. Beaux/Mazur Media (4CDs)


„Aus Musik entsteht Stille und zuweilen wird die Stille selbst zur Musik. Eine solche Stille zu erreichen, ist mein Traum", formuliert der georgische Komponist Giya Kancheli sein künstlerisches Credo. Die Stille ist das tragende Moment in Kanchelis Werk, insbesondere in seinen sieben Sinfonien, die im Zeitraum von 1967 bis 1985 entstanden und das Herzstück seines Schaffens bilden. Aus der Stille erhebt sich der Klang, langsam, fast statisch, gleichsam einem geheimnisvollen Ritual folgend. Es ist das Klangbild der Welt, das aus der Stille geboren wird. Der vor kurzem verstorbene russische Komponist
Alfred Schnittke schrieb 1983 zur Schallplatteneinspielung der Dritten und Sechsten Sinfonie bei dem sow-jetischen Label Melodija: „Kanchelis Sinfonien lassen uns in relativ kurzer Zeit ein ganzes Leben, ja eine ganze Geschichtsepoche durchleben. Doch dabei spüren wir nicht die Stöße der Zeit, sondern sitzen gleichsam in einem Flugzeug, ohne die Geschwindigkeit wahrzunehmen, und schweben über dem musikalischen Raum, das heißt über der Zeit."
Kancheli verbindet in seiner Musik die jahrhundertealten Traditionen der georgischen Volksmusik mit Elementen moderner westlicher Kunstmusik, was ihm seinerzeit von der sowjetischen Kulturbürokratie die Be- schimpfung als „eklektischer Allesverwerter" eintrug. Tatsächlich aber hat Kancheli aus der Kollision von Stilen der Vergangenheit und Gegenwart ein individuelles, eigenständiges Konzept entwickelt. Die Besonderheit der mehrstimmigen Gesänge Geor-giens, deren „geheimnisvoller Geist" Kancheli fasziniert, liegt darin, dass zwei gegensätzliche musikalische Prinzipien miteinander verbunden sind, die Entfaltung modaler Melodien in der horizontalen Ebene und die Koordination mehrerer Stimmen in der vertikalen Ebene. Auf dieser Komplexität baute Kancheli sein kompositorisches Konzept auf, das im Laufe der Jahre zu immer größerer Einfachheit führte. „Von Werk zu Werk", so erläutert er, „wird meine Musiksprache einfacher."
1935 in Tiflis als Sohn eines Chirurgen geboren, wandte sich Kancheli zunächst der Geologie zu, ehe er von 1959 bis 1963 am Konservatorium von Tiflis unter Ilja Tuskija Komposition studierte. Er sammelte Erfahrungen als Filmmusiker und schloss sich modernen Theaterkünstlern an. Ab 1966 arbeitete er mit Robert Sturua, dem Chefregisseur am Rustaweli-Theater in Tiflis, zusammen, zu dessen berühmten Shakespeare-Inszenierungen er die Bühnenmusik schrieb. Während der von Chruschtschow eingeleiteten kurzlebigen „Tauwetterperiode" bildete sich in Georgien eine progressive Künstlerbewegung, der sich auch Giya Kancheli und der Dirigent Djansug Kakhidze anschlossen. Für Kancheli brachte seine enge, bis in die Kindheit zurückreichende Freundschaft mit Kakhidze in gewissem Sinne den künstlerischen Durchbruch. „Ohne Kakhidze an meiner Seite wäre ich sicherlich ein anderer Komponist geworden", bekannte Kancheli einmal und erzählte, dass er sich, wenn er komponiere, immer vorstelle, wie das Werk unter Kakhidzes Händen klingen würde. Bereits die Erste Sinfonie aus dem Jahr 1967 schrieb er in dem Bewusstsein, dass Kakhidze die Uraufführung dirigieren werde. Seither wurde ein großer Teil seiner Kompositionen, einschließlich der Oper „Musik für die Lebenden" aus dem Jahr 1984, von Kakhidze geleitet. Die ersten Aufnahmen von Kanchelis sinfonischem Werk erfolgten vor beinahe drei Jahrzehnten für die Tifliser Abteilung der sowjetischen Schallplattenfirma Melodija mit dem georgischen Staatsorchester. Die jetzt vorliegenden Aufnahmen, bei denen ebenfalls Djansug Kakhidze am Pult stand, wurden mit dem Tifliser Sinfonieorchester in den neunziger Jahren eingespielt. Es handelt sich um eine künstlerisch exzellente und – trotz der aufgrund des damals herrschenden Bürgerkrieges überaus schwierigen Produktionsbedingungen – aufnahmetechnisch durchweg hoch zu rühmende Wiedergabe aller Sinfonien des inzwischen längst im Westen wirkenden Georgiers.


Ruth Renée Reif, UNIVERSITAS



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Franz Liszt: Piano Music, 19 CDs (Naxos)



Lange Zeit wurde dem überaus reichen und vielfältigen kompositorischen Schaffen von Franz Liszt (1811–1886) nur geringe Aufmerksamkeit zuteil. Selten standen seine Sinfonien auf den Konzertprogrammen, noch seltener fanden Aufführungen seiner Messen und Oratorien statt. Auch der Plattenmarkt bot wenig Liszt, abgesehen von Aufnahmen so populärer Werke wie der „Faust"- und der „Dante"-Sinfonie oder von „Les Préludes". Liszt beherrschte das musikhistorische Gedächtnis vor allem als „Legende des 19. Jahrhunderts": Sowohl seine Virtuosität als Pianist – nie zuvor war einem Interpreten so glühende Verehrung entgegengebracht worden, bei seinen Konzerten spielten sich fanatische Szenen ab - wie auch sein elegantes Aussehen und die Brillanz seiner Persönlichkeit hatten ihn zum Abgott des europäischen Konzert-publikums werden lassen. Nicht unwesentlich zur Mythologisierung Liszts trug schließlich seine familiäre Beziehung zu Richard Wagner bei: Liszts Tochter Cosima, die Frau des Dirigenten Hans von Bülow, war die zweite Frau Wagners.
Inzwischen hat sich das Bild der Rezeption Liszts völlig gewandelt. Zumindest die Schallplattenindustrie setzt alles daran, einem breiteren Publikum neben einer Vielzahl von Einspielungen einzelner Stücke den „gesamten Liszt" zugänglich zu machen – und dies in guten bis herausragenden Aufnahmen. Schon seit geraumer Zeit widmet sich das Label Naxos der Einspielung des gesamten Klavierwerks von Liszt. Das bislang auf 19 CD-Veröffentlichungen angewachsene Unternehmen mag, unter rein kommerziellen Aspekten betrachtet, geradezu tollkühn erscheinen, vom Standpunkt der Rezeption jedoch kann es gar nicht hoch genug gewürdigt werden.
Naxos war zweifellos gut beraten, die Einspielung von Liszts gesamtem Klavierwerk nicht nur einem Pianisten anzuvertrauen, was bei dem Umfang des Projekts letztlich die Gefahr eines einseitigen Werkzugangs und Interpretationsstils mit sich gebracht hätte. So teilen sich denn neun renommierte Künstler – Arnoldo Cohen, Jenö Jandó, Philip Thomson, Oxana Yablonskaya, Joseph Banowetz, Kemal Gekic, Valerie Tryon, Konstantin Scherbakow und Yung Wook Yoo – die Aufgabe, Liszts in seiner Fülle überwältigendes, in seiner musikalischen Qualität höchst unterschiedliches Klavierschaffen erstmals vollständig zu erschließen, selbstverständlich unter Einbeziehung seiner vielen Klaviertranskriptionen von Opern und Sinfonien. Dass allen Pianisten eine Affinität zum Werk Liszts gemeinsam ist, versteht sich bei einem solchen Unternehmen von selbst. Dennoch treten die individuellen, fraglos auch temperamentbedingten Unterschiede der einzelnen Künstler bei ihrer Auseinandersetzung mit Liszt deutlich in Erscheinung. So wird ein Spannungsfeld erzeugt, wie es im Fall der Interpretation durch nur einen
Pianisten nie erreicht werden könnte.

Adelbert Reif, UNIVERSITAS


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Gustav Mahler: Sinfonien 1, 2, 3, 4, 6, 7, 8 (hänssler classic)

 

Zu den künstlerisch herausragenden Gesamtaufnahmen der Sinfonien
Gustav Mahlers, wie sie etwa von George Solti, Rafael Kubelik, Eliahu Inbal, Lorin Maazel und anderen Pultstars vorliegen, entwickelt sich auch die zur Zeit im Entstehen begriffene Gesamteinspielung von Michael Gielen mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg. Obwohl die 5. und 9. Sinfonie vorläufig noch ausstehen –, der Zyklus soll nach Angaben des Labels im Frühjahr 2004 komplettiert sein –, scheint es nicht verfrüht, schon jetzt von einem neuen Höhepunkt der Mahler-Interpretation zu sprechen. Michael Gielen, dem genialen Vermittler zwischen den musikalischen Welten des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der Moderne, ist mit den bereits im Handel erhältlichen sieben Sinfonien eine durchweg überzeugende und zum Teil ergreifende Gestaltung des Mahler‘schen Universums gelungen. Gielen lotet mit dem glänzend musizierenden SWR-Sinfonieorchester alle Facetten der Mahler’schen Partituren aus, und das von ihm heraufbeschworene Spektrum üppiger Klangfarben stellt in seinem Kontrastreichtum und seiner makellosen Durchhörbarkeit eine Glanzleistung besonderer Art dar. Dass Mahler noch bis vor wenigen Jahrzehnten weithin der Ruf anhaftete, ein „Saalleerer" zu sein – dieser Tatbestand ist angesichts der Einspielung von Michael Gielen nicht mehr nach-
vollziehbar.
Irritierend an dieser Edition ist allerdings die Koppelung der überwiegenden Zahl der Mahler-Sinfonien mit ebenfalls von Michael Gielen und dem SWR-Sinfonieorchester eingespielten Werken anderer Komponisten: So der 1. Sinfonie mit „Central Park in the Dark" und „The Unanswered Question" von Charles Ives, der
3. Sinfonie mit Franz Schuberts „Rosamunde" und Anton Weberns „Sechs Stücke für Orchester" oder der 4. Sinfonie mit Franz Schrekers „Vorspiel zu einem Drama". Das mag zwar Gielens schon erwähnter Funktion als Vermittler zwischen verschiedenen Traditionen und Schulen entsprechen, trägt aber letztlich zur Zerstückelung dieser Mahler-Einspielungen bei. Von daher sollte man bei hänssler classic Überlegungen anstellen, ob es nicht zielführender wäre, Gielens grandiose Mahler-
Interpretation nach ihrem Abschluss in einer ausschließlich ihr vorbehaltenen Box herauszubringen.


Adelbert Reif, UNIVERSITAS


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Jacques Offenbach: Les Fées du Rhin. Die Rheinnixen, 3-CD-Box (Accord/Universal)

 

Kaum ein Opernführer findet Jacques Offenbachs Meisterwerk „Les Fées du Rhin" auch nur der Erwähnung, geschweige denn einer Darstellung seines Inhalts und seiner musikalischen Bedeutung wert. Und doch gehört diese „romantische Oper in vier Akten", deren Uraufführung 1864 unter dem Titel „Die Rheinnixen" an der Wiener Hofoper stattfand – allerdings in einer zerstückelten, dreiaktigen, um etwa eine Stunde Musik gekürzten Fassung –, zu den wich-tigsten Werken nicht nur Offenbachs, sondern, wie sich erst heute erweist, der Opernliteratur des 19. Jahrhunderts überhaupt. Dass die Wiener Uraufführung zu einem Misserfolg geriet, ist einmal den durch die vorgenommenen Kürzungen verursachten dramaturgischen Schwächen des Stückes geschuldet, zum anderen aber auch der massiven Kritik der Wagnerianer an Offenbach. Vor dem Hintergrund des sich in Deutschland zunehmend verschärfenden Antisemitismus war für sie der Jude Offenbach als Komponist deutscher romantischer Opern untragbar. Hinzu kommt, dass „Die Rheinnixen" in ihrer pazifistischen Grundtendenz in schärfstem Widerspruch zum militaristisch-kriegerischen Zeitgeist standen, wie er damals in Deutschland herrschte. „Dieses Libretto erscheint tatsächlich als ein großer pazifistischer Hymnus, in dem die Liebe über den Krieg triumphiert und Vaterland und Heimatliebe in einem kulturellen Sinn, frei von jeglichem Chauvinismus, gefeiert und gelebt werden", kommentiert denn auch Jean-Christophe Keck, der Herausgeber der Offenbach Edition Keck (OEK) 2002. Nach dem Wiener Misserfolg der „Rheinnixen" beschäftigte sich Offenbach, abgelenkt vom Riesenerfolg seiner „Schönen Helena" (ebenfalls 1864) und zahlreichen Aufträgen verschiedener Theater nicht mehr weiter mit diesem Werk. Aber einzelne Stücke daraus wurden von ihm anderswo verwendet und zu Welterfolgen: So gingen etwa die „Glockenromanze" in seinen „Fantasio" (1872) und das „Elfenlied" als „Barcarole" in „Hoffmanns Erzählungen" (1881) ein.
Seit der Wiener Uraufführung nicht mehr gespielt, waren „Die Rheinnixen" zum „Opernmythos" geworden. Dem von verschiedenen Häusern geäußerten Wunsch, das Werk endlich in verantwortungsbewusster Inszenierung auf die Bühne zu bringen, stand das Nichtvorhandensein einer schlüssigen Edition entgegen: Viele wichtige Quellen waren in alle Winde verstreut. Während mehrerer Jahre gingen unter der Leitung von Jean-Christophe Keck Musikexperten auf beinahe archäologische Weise vor, die verschiedenen Teile des autographen Manuskripts (der Orchesterpartitur) in der ganzen Welt zusammenzutragen. Wichtige Dokumente fanden sich aber auch in Privatbesitz. Auf diese Weise gelang es, die komplette Oper auf der Grundlage eines von Offenbach selbst redigierten Klavierauszuges sowie des französischen und deutschen Librettos zu rekonstruieren.
Am 30. Juli 2002 fand die konzertante Uraufführung der originalen deutschen vieraktigen Fassung nunmehr unter dem richtigen Titel „Les Fées du Rhin" beim Festival de Radio France in Montpellier statt. Die Besetzung mit Regina Schörg (Sopran), Nora Gubisch (Mezzosopran), Piotr Beczala (Tenor), Dalibor Jenis (Bariton), Peter Klaveness (Bassbariton), Uwe Pepper (Tenor) und Gaele Le Roi (Sopran) sowie dem Orchestre National de Montpellier L.R. und dem Choeur de la Radio Lettone unter der Stabführung von Friedeman Layer war exzellent und der Erfolg bei Pub-likum und Kritik hätte grandioser nicht ausfallen können. „... eine musikgeschichtlich einzigartige Schöpfung...", vermerkte die Zeitschrift "Das Opernglas". Und „Opera International" schrieb: „Nun bleibt nur zu hoffen, dass diese gelungene Ausgrabung... nicht ohne Zukunft bleiben wird. Welches Theater wird es wagen, diese große, mit Kultur und musikalischen Eingebungen übervolle romantische Oper auf die Bühne zu bringen?" Bis es so weit ist, müssen wir uns mit dem technisch brillanten Mitschnitt dieser sowohl musikhistorisch wie künstlerisch einzigartigen Offenbachiade aus Montpellier auf Compact Disc begnügen.


Adelbert Reif, UNIVERSITAS


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Joaquín Rodrigo: Complete Orchestral works 1–6 (Naxos)

 

Im Unterschied zu seinem Nachbarland Frankreich fällt der Beitrag Spaniens zur Musikentwicklung des 20. Jahrhunderts recht bescheiden aus. Neben Manuel de Falla (1876–1946), dem Schöpfer von „Der Dreispitz", „Der Liebeszauber" und der berühmten „Nächte in spanischen Gärten", hat sich nur mehr Joaquín Rodrigo (1901–1999) dauerhaft durchzusetzen vermocht. Sein nach dem Spanischen Bürgerkrieg uraufgeführtes „Concierto de Aranjuez" gehört seit langem weltweit zu den beliebtesten und meistgespielten Kompositionen des letzten Jahrhunderts.
Geboren in Sagunto (Provinz Valencia), erkrankte Rodrigo als Vierjähriger an Diphtherie, und infolge dieser Infektion verlor er sein Augenlicht. Es war wohl dieses Unglück, das ihm den Weg zur Musik eröffnete. 1906 übersiedelte die Familie nach Valencia, wo Joaquín die Blindenschule besuchte und seinen ersten Musikunterricht erhielt. 1917–1922 war er Kompositionsschüler von Francisco Antich am Konservatorium von Valencia. Schon zwei Jahre später erlebten seine „Juglares" (Gaukler) für Orchester ihre Uraufführung. Um diese Zeit war Rodrigo bereits mit dem Kreis avantgardistischer Komponisten in Madrid in Berührung gekommen. Doch nachdem er seine Hoffnungen auf den Nationalen Musikpreis 1925 enttäuscht sah, ging er nach Paris, um bei Paul Dukas zu studieren. Zu Zeiten des Franco-Re-
gimes waren Rodrigos Werke – neben denen des legendären Manuel de Falla – die einzigen Botschafter der spanischen Musik in der Welt – zumindest bis zum Erscheinen der innovativen Generation der fünfziger Jahre. Neben dem „Concierto de Aranjuez" und dem „Concierto Andaluz" gehören insbesondere sein „Piano Concerto", sein „Concierto Madrigal" und die „Cinco Piezas Infantiles" zu Rodrigos am häufigsten aufgeführten Werken. Seine internationale Bekanntheit erreichte 1958 ihren Höhepunkt, als in San Francisco die „Fantasía para un gentilhombre" uraufgeführt wurde. Nach 1964 war ein allmähliches Nachlassen seiner kompositorischen Produktivität festzustellen. Zudem meldete eine neue spanische Komponistengeneration ihre Ansprüche an. Seine letzte bedeutende Komposition schrieb Rodrigo, der 1992 starb, 1982 mit dem „Concierto para una fiesta".
Ungeachtet seiner großen musikalischen Bedeutung war Rodrigos Schaffen auf dem hiesigen Plattenmarkt bislang weit unterrepräsentiert. Mit der Veröffentlichung seiner „Complete Orchestral Works" innerhalb der verdienstvollen Reihe „Spanish Classics" des rührigen Labels Naxos ist nun eine entscheidende Wende eingetreten. Erstmals bietet sich jetzt die Möglichkeit, das orches-trale Werk des Spaniers in seiner ganzen Breite und Farbigkeit kennen zu lernen. Sechs CDs liegen bisher vor: Ausgeführt vom Orquesta Sinfónica del Principado de Asturias unter Maximiano Valdés, dem Orquesta Sinfónica de Castilla y León unter Max Bragado Darman sowie den Solisten Ricardo Gallén, Joaquín Clerch (Gitarre), dem EntreQuatre Cuarteto de guitarras, Asier Polo (Cello), Mikhail Ovrutsky (Violine), Daniel Ligorio Ferrandiz (Piano) und Lucero Tena (Kastagnetten), wird durch Rodrigos Musik ein Spanien heraufbeschworen, das in dieser assoziativen Ursprünglichkeit schon während der Zeit des Entstehens dieser Kompositionen einzig in der Vorstellung des blinden Meisters existierte. Joaquín Rodrigo war zweifellos einer der letzten Romantiker in der Musik des 20. Jahrhunderts.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Jazz/Blues
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. Regina Carter: paganini: after a
dream (Universal/Verve)

 

Eine elegante Brücke zwischen Klassik à la France und konzertantem Jazz schlägt die amerikanische Jazz-Violinistin Regina Carter mit ihrer neuesten, in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlichen Produktion „paganini: after a dream". Im Dezember 2001 hatte die klassisch geschulte Künstlerin von der Stadt Genua die überraschende Einladung erhalten, auf Niccolò Paganinis, des legendären „Teufelsgeigers" Guarneri-Violine zu konzertieren, eine Ehre, die bislang noch keinem Jazzmusiker zuteil geworden war. Ein knappes Jahr später – nach einem vom Genueser Publikum enthusiastisch gefeierten Konzertauftritt – erfüllte sich Regina Carters Traum: Drei Tage lang durfte sie vor Ort Paganinis „Zaubergeige" zur Einspielung der vorliegenden CD benutzen. Das aus neun Ti-teln bestehende Programm reicht von Debussys „Rêverie", Faures „Pavane" und „Après un rêve" sowie Ravels „Pavane pour une infante défunte" über Astor Piazzollas „Oblivion", Luiz Bonfás „Black Orpheus" und Ennio Morricones „Cinema Paradiso" bis hin zu einem Exzerpt aus Regina Carters eigener Komposition „Alexandra". Bei drei Titeln steht Carters Quintett ein von Ettore Stratta geleitetes Streichorchester zur Seite, zu dem sich bei zwei Titeln noch der russische Cellist Borislav Strulev gesellt. Regina Carters wechselseitig ungemein lyrisches, dann wieder swingend expressives Spiel überzeugt rundum, wobei dem ebenfalls sehr dominant spielenden Pianisten Werner „Vana" Gierig, ein nicht zu kleines Blatt musikalischen Lorbeers gebührt. Der spezifische Klang von Paganinis Geige, die heller als ein Instrument modernerer Bauart klingt und über eine breitere Palette an Ober- und Untertönen verfügt, verstärkt den Eindruck einer außergewöhnlichen Aufnahme.


Adelbert Reif, UNIVERSITAS


 


Ravi Coltrane: Mad 6 (Columbia)


Wer John Coltrane, der im Jazz-Olymp einen festen Platz neben Miles Davis und Charlie Parker hat, zum Vater hat, wird bestimmt nicht Musiker, schon gar nicht Jazzmusiker und ganz bestimmt nicht Tenor- und Sopran-Saxofonist. Spott und Häme für den Jungspunt, der in den überdimensionalen Fußstapfen seines Vaters keinen Halt findet, wären in solchen Fällen wohl unvermeidlich. Gut dass sich einer wie Ravi Coltrane nicht beirren lässt und mutig ins Horn bläst – beziehungsweise ins Saxofon. Tenor- und Sopransaxofon, was sonst! Nach dem Tod seines Vaters, der heute 38-jährige Ravi war damals zwei Jahre alt, zog Mutter Alice, eine Pianistin, mit den Kindern von New York ins kalifornische San Fernando Valley, wo der mythische Vater nicht den Kultstatus genoss, den er im Big Apple hatte. Mit 21 Jahren, gewissermaßen als Spätberufener, schrieb sich Ravi Coltrane am California Institute of the Arts ein, um Saxofon zu studieren. Hier sah er sich mit vielen Studenten konfrontiert, die mehr über die Musik seines Vaters wussten als er selbst. 1991 zog es Ravi wieder nach New York, wo zahlreiche Größen des Jazz neugierig auf den Sohn des berühmten Coltrane waren und mit ihm zusammen spielen wollten. Nachdem er einige Jahre seinen eigenen Stil suchen und mit den Erwartungen fertig werden musste, die sich an seinen Namen knüpften, legte er 1998 sein erstes
eigenes Album als Bandleader vor. Seitdem hat er seine musikalischen Ausdrucksformen weiterentwickelt und sich seinen Platz unter den Besten des zeitgenössischen Jazz gesichert. Mit Mad 6 beweist er sich wieder als souveräner Interpret eigener Kompositionen wie „Avignon" oder „Self Portrait in three colors" oder von Klassikern wie „Round midnight" und „Fifth House", geschrieben von – ja von Übervater John Coltrane, von dessen hymnischer Intensität sich Ravis cooles und zugleich warmes Spiel jedoch deutlich unterscheidet.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS


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David Liebman/Marc Copland Duo: Bookends. 2 CDs (hatOLOGY)

 




Der 1946 geborene Sopransaxofonist David Liebman, der unter anderem auf klassischen Miles-Davis-Produktionen wie „On the corner" oder „Get up with it" vertreten ist, und der Pianist Marc Copland, 1948 geboren, haben sich zu einer live und im Studio eingespielten Produktion zusammengefunden, bei der sich die herausragenden Fähigkeiten der beiden Musiker perfekt ergänzen: Liebmans an sein großes Vorbild John Coltrane gemahnende expressive Saxonfon-klänge werden untermalt von dem extrem reduzierten, sparsamen Klavierspiel Coplands, der seine Karriere als Saxofonist begann, bevor er sich dem Piano zuwendete. Neu interpretierte Klassiker wie Lester leaps in, Blue in green, Maiden Voyage, Your own sweet way oder Bookends lösen sich mit souverän interpretierten Eigenkompositionen ab, die zeigen, dass beide Künstler zu den führenden zeitgenössischen Jazzmusikern gehören.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

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Miles Davis: The complete Jack Johnson Sessions. 5 CD-Box (Sony)

 


Hier passt alles perfekt zusammen: Jack Johnson, der für Nat Fleischer, den „Boxpapst" der USA, der beste Schwergewichtsboxer war, der je in den Ring gestiegen ist, und 1908 ers- ter farbiger Boxweltmeister in seiner Gewichtsklasse wurde – und sich von da an dem Hass des weißen Amerika ausgesetzt sah – und Miles Davis, der Meister aller Klassen im modernen Jazz. Zum ersten Mal liegen jetzt die von Februar bis Juni 1970 als Hommage an den legendären Boxer entstandenen und mit unter anderem Chick Corea, John McLaughlin und Jack de Johnette eingespielten Sessionaufnahmen (34 davon bisher unveröffentlicht) auf fünf digital optimierten CDs vor. Nach der Ver- öffentlichung des epochalen „Bitches Brew" zeigt sich Davis mit seinem Ensemble in einer Phase des kreativen Umbruchs, die einzelnen Instrumentalisten harmonieren teilweise perfekt miteinander, in anderen Aufnahmen spielen sie ihre starken Individualitäten voll aus und treten in eine spannungsreiche Konkurrenz zueinander.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Wiglaf Droste & Das Spardosen-
terzett: Wolken ziehn
(Roof/tacheles)

 

„Wenn man diese schwermütigen, poetischen Abweichungen von der Norm einmal gehört hat, ist die Welt für immer eine andere: brüchig. Da ist kein Netz und kein Fänger, der fängt." Wer so über die Lieder von Nick Drake schreibt, kann nur ein Guter sein. Wiglaf Droste, 1961 im ostwestfälischen Herford geboren, ist ein „Weltverneiner von Schopenhauer’schen Ausmaßen" (taz), „einer der letzten Romantiker" (Neue Westfälische), Mitherausgeber (neben Vincent Klink) der so vierteljährlich wie möglich erscheinenden kulinarischen Kampfschrift „Häuptling eigener Herd" sowie Schriftsteller und Satiriker – seine Kolumnen auf der Wahrheitsseite der taz sind kleine Wortkunstwerke polemischer Spottlust, die einfach Spaß machen.
Das gilt auch für die neue CD, die Droste mit Rainer Lipski, Mickey Neher und Kai Struwe, dem mit winzigem Schlagzeug, Bass, Gitarre und Klavier locker swingenden Spardosenterzett, aufgenommen hat.
Bei drei der mit einer Mischung aus Inbrunst und minimalistischer Zurückhaltung interpretierten Stücke werden die Herren von der wunderbaren Katharina Thalbach unterstützt; einer der 16 Höhepunkte der CD – so viele Songs befinden sich auf „Wolken ziehn" – ist ihre auf Spanisch mit einem unvergleichlichem Akzent dargebotene Rezitation von „El Rubio" (der Blonde), einer „späten Verarbeitung von drei Autoaufbrüchen in einer Woche Spanien").
„Basta Berlusconi" ist eine charmante Liebeserklärung an Italien, das „Gottes Lieblingsland" sein könnte, gäbe es da nicht den selbstherrlichen Landesfürsten, eine „medial multiple Ölpfütze von Mann", der seine Regierungsverantwortung vor allem darin sieht, unbehelligt von den gleichgeschalteten Medien und einer geknebelten Justiz seine illegalen Machenschaften unter der Decke zu halten.
„Diät ist Mord" stellt einmal mehr unter Beweis, dass Droste gern und gut kocht und isst und es durchaus zu schätzen weiß, wenn die holde Weiblichkeit dabei wacker mithält, statt sich die Zeit damit zu vergällen, die von ihm so geschätzte „Rolle der Frau" (auch Titel einer bei der Edition Tiamat erschienenen Kolumnensammlung) abzutrainieren.
Kurzum – eine Liedersammlung für Liebhaber musikalischer Feinkost, die allerdings wochenlang den CD-Player blockieren könnte.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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David Liebman/Marc Copland Duo: Bookends. 2 CDs (hatOLOGY)

 




Der 1946 geborene Sopransaxofonist David Liebman, der unter anderem auf klassischen Miles-Davis-Produktionen wie „On the corner" oder „Get up with it" vertreten ist, und der Pianist Marc Copland, 1948 geboren, haben sich zu einer live und im Studio eingespielten Produktion zusammengefunden, bei der sich die herausragenden Fähigkeiten der beiden Musiker perfekt ergänzen: Liebmans an sein großes Vorbild John Coltrane gemahnende expressive Saxonfon-klänge werden untermalt von dem extrem reduzierten, sparsamen Klavierspiel Coplands, der seine Karriere als Saxofonist begann, bevor er sich dem Piano zuwendete. Neu interpretierte Klassiker wie Lester leaps in, Blue in green, Maiden Voyage, Your own sweet way oder Bookends lösen sich mit souverän interpretierten Eigenkompositionen ab, die zeigen, dass beide Künstler zu den führenden zeitgenössischen Jazzmusikern gehören.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

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Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys: Wunderbar, dabei zu sein (2001), Morphium (2003)
(beide Roof Music)

 


Ulrich Tukur ist seit 1983 einer der profiliertesten deutschen Schauspieler, der nach seinem ersten großen Erfolg als „Kittel" in Peter Zadeks inzwischen legendärer „Ghetto"-Aufführung in zahllosen Spielfilmen mitgewirkt hat und im Theater große und kleine Rollen verkörpert hat – sofern sie Herausforderung und Risiko bieten. Denn obwohl er auch schwierigste und abgründige Rollen bis hin zu labilen Psychopathen mit einer nie nachlässigen Leichtigkeit interpretiert, ist das Einfache seine Sache nicht – Tukur, der 1995 bis 2000 die Kammerspiele in Hamburg leitete und schon mehrfach in Salzburg als „Jedermann" agierte, arbeitet ohne Netz und doppelten Boden, was seinem Spiel eine Eindringlichkeit und Intensität verleiht, die nicht nur hierzulande allzu selten sind.
Tukur ist jedoch nicht nur ein außergewöhnlicher Schauspieler, der vielseitige, in Viernheim geborenen Hesse versucht sich seit seiner ersten Schallplatte „Tanzpalast" auch immer wieder als Musiker, seit 1995 mit seiner Band, den „Rhythmus Boys" (Günter Märtens: Bass, Kalle Mews: Schlagzeug, Ulrich Mayer: Gitarre). Auf dem aktuellen Album „Morphium" präsentiert Jazzfan Tukur, der sich als spätgeborener Bürger der Weimarer Republik fühlt, wieder exquisit interpretierte „Lieder am Abgrund", wie ein früheres Programm von ihm hieß. „Die Feier einer dekadenten Kultur am Ende der k.u.k. Monarchie vor dem Weltkrieg, dann der Tanz auf dem Vulkan 1924, das hat mich schon immer fasziniert", erzählt Tukur und singt mit berückender Sinnlichkeit Lieder wie „Ganz leise kommt die Nacht aus weiter Ferne", „Opiumrausch" und „Du
gehst durch all meine Träume". Wer den Sänger Tukur durch „Morphium" schätzen gelernt hat, wird sich freuen, dass auch das Vorgängeralbum „Wunderbar, dabei zu sein" noch lieferbar ist – hier geht es etwas weniger morbide zu, die CD bietet Rhythmen von Mambo bis Foxtrott und „Leichtigkeit bis hin zur Überflüssigkeit, Melancholie mit Schmiss und Pep. Eigenkompositionen von explosiv retrograder Modernität neben eigenwilligen Interpretationen älterer unbekannter Titel." Sagt Tukur und hat Recht.

Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS


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Weltmusik
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Abaji: Oriental voyage
(Network Medien/Zweitausendeins)

 

Network Medien, eines der besten Labels in Sachen Weltmusik (siehe UNIVERSITAS 3/2003, Seite 319) hat in den letzten Jahren neben vielen anderen herausragenden Einspielungen auch zwei vorzügliche CD-Sammlungen mit „Wüstenblues" veröffentlicht, einer der bemerkenswertesten Künstler dieser Zusammenstellungen, der in Beirut geborene „Troubadour der Beduinen", Abaji, legt nun mit „Oriental voyage" eine Album vor, das ein abwechslungsreiches Kaleidoskop von ruhigen und bluesigen Klängen liefert, die von der Weite der Wüste, der Kargheit der schroffen Berge und der Fruchtbarkeit von Tälern und Oasen inspiriert sind. Meditative und dennoch spannungsreiche Klänge, die Abaji in Frankreich bereits Kultstatus bescherten.
Alexa Jacsay Guerrero



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Lila Downs: The Border – La linea (Peregrina)



In ihrer Heimat Mexiko ist Lila Downs, Tochter eines schottisch-amerikanischen Vaters und einer Indianerin, schon seit geraumer Zeit ein echter Star und durch ihren maßgeblichen Anteil am dieses Jahr mit einem Oscar ausgezeichneten Frida-Soundtracks (der gleichnamige Film ist der mexikanischen Malerin Frida Kahlo gewidmet) dürfte sie nun auch mit ihren Soloproduktionen ein internationales Publikum erreichen. Lila Downs hat ihre aktuelle CD den Menschen gewidmet, die an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko (The Border) leben. In ihrer von starker Intensität und tiefen Emotionen geprägten Kompositionen verwebt sie Jazz, Gospel und andere Einflüsse mit den traditionellen Cumbias ihrer Heimat. Begleitet wird sie von Musikern aus Kuba, Argentinien, Paraguay, Kanada und den USA – trotz der vielen Einflüsse, die in ihre Musik einfließen, verbietet es sich, Lila Downs als „Weltmusik"-Künstlerin zu bezeichnen. Zu sehr ist dieser Begriff durch Musiker wie Sting, Peter Gabriel und Paul Simon in Misskredit geraten, die in ihrer Zusammenarbeit mit „einheimischen" Künstlern einen leicht konsumierbaren, aber schwer verdaulichen Ethno-Pop geschaffen haben, der keine andere Sprache als die der Beliebigkeit kennt. Höhepunkt auf Frida ist das englisch-spanisch gesungene Burn it blue, das sie mit Caetano Veloso singt.
Weitere Künstler auf der Frida-CD, deren 24 Songs von Elliot Goldenthal komponiert wurden, sind neben Lila Downs unter anderem Chavela Vargas, die Musik-Legende aus Costa Rica, und Salma Hayek (die im Film Frida Kahlo verkörpert). Anders als die meisten Film Soundtracks „funktioniert" die Musik auch ohne den Film.


Alexa Jacsay Guerrero, UNIVERSITAS


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Ibrahim Ferrer: Buenos hermanos (World circuit/Indigo)


Er hätte noch Schuhcreme an den Händen gehabt, erzählt der heute 76-jährige Ibrahim Ferrer immer wieder gern, als Ry Cooder ihn vor einigen Jahren auf Havannas Straßen ansprach und den Schuhputzer (der vor den Zeiten eines Fidel Castro, für
den er kein gutes Wort findet, bereits ein sehr erfolgreicher Musiker war) direkt ins Studio mitnahm. Der Rest ist Geschichte – die Buena-Vista-
Social-Club-Compilation, dessen größten Hit „Chan chan" Ferrer komponierte, war der Soundtrack eines Kuba-Booms, der inzwischen etwas verebbt ist, was nicht bedeutet, dass seine noch lebenden Protagonisten weiterhin erstklassige CDs aufnahm. Buenos Hermanos ist die zweite Solo-CD von Ferrer; Ry Cooder und andere Weggefährten aus dem Buena-Vista-Social-Club-Umfeld sind auch wieder dabei. Ferrer hätte dem Vernehmen nach am liebsten nur traurige Boleros aufgenommen, doch schließlich ist das Album doch wieder eine abwechslungsreiche Reise durch kubanische Musiktraditionen geworden. Schnelle Guarachas, einige lockere Sons (die kubanische Salsa-Variante) und natürlich Ferrers wichtigstes Instrument, seine Stimme. Jenseits aller Booms eine entspannte Sammlung zeitloser Songs.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

 



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Celso Fonseca: Natural (Ziriguiboom/Crammed Discs/EFA)



Außerhalb Brasiliens war Celso Fonseca bisher nur ein Geheimtipp, doch es steht zu hoffen, dass sich dies mit seinem ersten internationalen Soloalbum ändern wird. Fonsecas Stimme erinnert in bestem Sinne an Caetano Veloso, mit dem er ebenso bereits zusammenarbeitete wie mit Gilberto Gil (mit dem zusammen er in Rio ein Studio betreibt), dem anderen großen Vertreter des Tropicalismo und derzeitigem brasilianischem Kul- turminister sowie Marisa Monte und Bebel Gilberto. Die 2002 in Rio aufgenommene CD klingt wunderbar entspannt, ohne je zur allzu gefälligen Cocktailmusik zu degenerieren, und enthält neben den mit sanfter Stimme vorgetragenen eigenen Liedern, die von akustischer Gitarre (Daniel Jobim, der Enkel von Tom Jobim), dezenter Percussion (Robertinho Silva aus der Band von Milton Nascimiento) und akustischem Bass (Jorge Hélder aus der Gruppe von Chico Buarque) begleitet werden, auch Klassiker wie Baden Powells Consolção oder Jobims She’s a carioca.


Prof. Dr. Julius Philipp Sauer; UNIVERSITAS


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Gilberto Gil: Z. (Exil/Indigo)

 

„Unseren Gil", so nannte ihn der brasilianische Schriftsteller Jorge Amado, und dies nicht nur, weil Gilberto Gil ebenfalls Brasilianer und Bahianer ist, sondern weil er sich als „Interpret des Kampfes und der Hoffnung" gegen die Diktatur zur Wehr setzte. Nach dem Militärputsch von 1964 stand Gil zusammen mit seinem musikalischen Partner Caetano Veloso an der Spitze der Tropicália, einer kulturellen Bewegung, die auf poetische Weise Systemkritik übte und mit ihren Happenings die Staatsmacht erschreckte. 1969 büßten sie dafür mit monatelanger Haft.
Gil, der im Januar unter dem neuen brasilianischen Präsidenten, dem Arbeiterführer Luis Inacio „Lula" da Silva, das Amt des Kultusministers übernahm, hat mit seiner Musik stets den Unterdrückten und Wehrlosen eine Stimme gegeben. „Z" lautet der schlichte Titel einer grandiosen Komposition, die ursprünglich gar nicht zur Veröffentlichung als Album geplant war. 1995 schuf Gil mit dem Perkussionisten Carlinhos Brown und dem Bassisten Rodolfo Stroeter eine Ballettmusik zum 300. Todestag des afrobrasilianischen Sklavenhäuptlings Zumbi.1630 gründeten etwa 20 000 entlaufene Sklaven in der bergigen und palmenbestandenen Region im Nordosten Brasiliens einen „Staat freier Neger". Palmares, den größten Quilombo, konnten die Portugiesen 1699 erst nach erbitterten Kämpfen vernichten. Häuptling von Palmares wurde 1680 Francisco Zumbi. Den Vornamen erhielt er von einem katholischen Priester, der ihn aufzog, nachdem er während des ersten portugiesischen Überfalls auf Palmares geraubt worden war. Den schamanischen Namen Zumbi verliehen ihm die Bewohner von Palmares, die seine Rückkehr als Auferstehung von den Toten feierten. Gil lässt sich mit seiner Musik ganz auf das Leiden der Sklaven ein. In kultisch anmutenden Gesängen, durchdringenden Schreien und wildem Heulen beschwört er die Erinnerung an ihre grausame Vernichtung.


Ruth Renée Reif, UNIVERSITAS



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The Harp Consort: Missa Mexicana. HMU 907293 harmonia mundi

 


Ein interessantes Dokument des Kolonialismus stellt das Ensemble The Harp Consort des britischen Harfenisten Andrew Lawrence-King vor. Als die spanischen Eroberer nach dem Sieg über die Azteken in Mexiko ihr Kolonialreich aufbauten, erklärten sie das Christentum zur Staats-religion. Die Indios wurden gewaltsam bekehrt und ihre religiösen Kultstätten zerstört. Gleichzeitig errichteten die Spanier eine große Anzahl an Klöstern und Kirchen. Während die Konquistadoren die indianische Kultur auszurotten versuchten, gingen die missionierenden Mönche raffinierter zu Werke, indem sie die indianischen Gesänge und Tänze einfach in den katholischen Ritus integrierten. Wie diese Vereinnahmung musikalisch umgesetzt wurde, belegt die Messe „Ego flos campi" des spanischen Komponisten Juan Gutierrez de Padilla, der 1629 die Stelle des Kantors an der Kathedrale von Puebla antrat. The Harp Consort nimmt diese Messe als Ausgangspunkt ihrer musikalischen Entdeckungsreise. Unter dem Titel „Missa Mexicana" stellt sie die geistlichen Kompositionen den originalen Tänzen, denen sie nachgebildet waren, gegenüber.


Ruth Renée Reif, UNIVERSITAS



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Network – ein Label im Zeichen der Weltmusik

 

Seit über 20 Jahren hat sich Christian Scholze, Gründer und Geschäftsführer der Frankfurter Schallplattenfirma Network Medien, der so genannten Weltmusik verschrieben, rund 100 Produktionen sind in dieser Zeit entstanden, von denen die aufwendigen Anthologien, Doppel- CDs, die einem bestimmten Thema gewidmet sind, besondere Aufmerksamkeit verdienen. Ein Glanzstück der Reihe ist „Musica negra in the americas", eine musikalische Entdeckungsreise, die die große musikalische Vielfalt des amerikanischen Kontinents und der Karibik mit ihren unterschiedlichen schwarzen Kulturen widerspiegelt. Christian Schulze und der amerikanische Weltmusikjournalist Dan Rosenberg haben in über 20 Ländern bekannte und weniger bekannte Künstler und Gruppen aufgespürt und dabei so manches musikalische Kleinod entdeckt. Besonderes Lob verdient die Kollektion, weil auch Regionen, die wie Belize, Curaçao oder Guatemala auf der musikalischen Weltkarte eher etwas abseits liegen, zu ihrem Recht kommen.
„Desert Blues", eine weitere thematische Compilation, die zu einer abwechslungsreichen Reise durch die reiche Balladentradition der Sahara, der Sahel und der angrenzenden Länder einlädt, war weltweit so erfolgreich, dass vor kurzem eine zweite Songsammlung zu diesem musikalischen Themenfeld vorgelegt wurde. Der Begriff Blues mag etwas irreführend sein, doch soll er wohl auf die Intensität hinweisen, mit der die über 20 Interpreten ans Werk gehen und Stimmungen und Schicksale in Szene setzen.
Das jüngste Großprojekt aus dem Hause Network war das bisher wohl aufwendigste Unterfangen in der an Herausforderungen reichen Unternehmensgeschichte (dazu auch das Interview mit Christian Scholze unter www.christianscholze.de). „Island Blues – entre mer et ciel" ist eine Platte für die berühmte Insel. Wie alle Network-Anthologien mit einem opulenten, reich bebilderten und informationsreichen Booklet ausgestattet, ist sie eine Reise zu ausgewählten Inseln rund um den Globus, ausgehend von den Komoren, über Indonesien, die Karibik, die Südsee, das Mittelmeer bis nach Irland. Einen Überblick über die gesamte Produktion des Labels kann man sich unter www.networkmedien.de machen.

Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Caetano Veloso/Jorge Mautner:
Eu não peço desculpa: (Warner)

 

Unlängst 60 geworden, hat der ewig jugendliche Altmeister des Tropicalismo und Weggefährte seines Musiker-Kollegen Gilberto Gil, dem derzeitigen brasilianischen Kulturminis- ter, in dem ohnehin phänomenalen Soundtrack von Pedro Almodóvars preisgekröntem Spielfilm „Hable con ella" (Sprich mit ihr) mit einer neuen Version von „Cucucurruco Paloma" den anrührenden Höhepunkt geliefert. Nun legt er mit seinem Freund und Weggefährten Jorge Mautner eine CD vor, in der sich Velosos oft sehr zarte Stimme mit Mautners eher sprödem Organ vorzüglich ergänzen und so keine Langeweile aufkommen lassen. Ein stilistisch vielseitiges Werk des Brasilianers, der in seiner langen Karriere immer wieder für Überraschungen sorgt. Auch für diese Liedersammlung braucht er sich nicht, wie der Titel der CD andeutet, zu entschuldigen.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

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Pop/Rock/Roots
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Ryan Adams: Love is hell pt.1
and pt.2, Rock’n Roll, (Lost high-way/Universal) l

 

 

In den 90er-Jahren nahm Ryan Adams – weitgehend unbemerkt von der großen Öffentlichkeit – mit seiner Band Whiskeytown einige hervorragende Rock-Folk-Country-CDs auf, 2000 kam dann mit „Heartbreaker" ein sehr persönliches, sehr ruhiges Balladen-Album über das Ende einer Beziehung auf den Markt – seine bisher beste Produktion, die sein damaliges Label erst dann so gut fand wie Adams, als die CD sich sehr gut verkaufte. 2001 landete er dann mit „Gold" bei seiner derzeitigen Plattenfirma einen Riesenerfolg, der ihm neben ungeheurer Popularität diverse Grammy-Nominierungen und „the Cover of the Rolling Stone" einbrachte. Adams, der einen immensen Output an Songs hat, würde seine künstlerische Entwicklung am liebsten in Form zahlreicher, in kurzen Abständen erscheinender Alben dokumentieren und vertraut dabei auf sein enormes künstlerisches Potenzial. Seine Plattenfirma scheint dies anders zu sehen, und so kommen nun als Ergebnis der Differenzen
zwischen Künstler und Label drei CDs binnen zwei Monaten auf den Markt. Rock’n‘Roll, das vermeintliche Hauptwerk dieses Trios, wirkt wie eine lustlose Pflichtarbeit, ein lärmiges Anbiedern an den Massengeschmack – Adams Stimme ist teilweise bis zur Unkenntlichkeit entstellt und die Gitarren werden mitunter derart uninspiriert misshandelt, dass man sich irritiert fragt, was das eigentlich soll. Bis man Love and hell pt.1 and pt. 2 hört – zwei Mini-CDs mit zusammen 19 Stücken, die Adams selbst für die reguläre Veröffentlichung hält, die er jedoch allem Anschein nach seinem Label abtrotzen musste. Sei es, wie es ist – hier zeigt sich der Musiker auf der Höhe der Kunst, fast ausschließlich ruhige, eindringlich interpretierte Songs, die hoffentlich mindestens so erfolgreich werden wie Rock’n Roll, damit Adams zukünftig mehr Vertrauen in das Potenzial seiner Songs geschenkt wird.

Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

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Arctic Monkeys: Our favourite worst nightmare (Domino)

 

Das zweite Album ist meist das Schwierigste, zumal wenn man wie die aus Sheffield stammenden Arctic Monkeys mit dem Vorgängeralbum Whatever People Say I Am, That's What I'm Not als aufregendendste Neuentdeckung des Gitarrenrock und als "best british Band 2006" gefeiert wurde. Nun wäre es leicht, nach dem Megahype um das wahrhaft vorzügliche, aber mitnichten alles überragende Debüt den trotz knapper 77 Minuten nicht mehr ganz so kompakten Nachfolger in Grund und Boden zu schreiben – doch obwohl die ganz großen Momente fehlen, ist den Jungspunten (das Durchschnittsalter der Band beträgt zarte 20 Jahre) wieder eine in den besten Momente mitreißende CD gelungen, der man mitunter das Bemühen der Band anmerkt, "anders" zu klingen als auf dem Erstling. Was glücklicherweise nicht immer gelingt.
Bela Büsemann, UNIVERSITAS.

 

 


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James Carr: A man needs a woman (Kent/Edel Contraire)


„Die Art und Weise, wie der Junge singt, jagte mir eine Gänsehaut über den ganzen Körper" – so erinnert sich James Carrs Mentor Roosevelt Jamison (übrigens auch der Entdecker des leider viel zu wenig bekannten Deep-Soul-Giganten O.V. Wright) an das erste Mal, dass er den Gospelsänger in einer Kirche gehört hatte. „Er hatte gleichzeitig diese Demut und Kraft in seiner Stimme, ein verzweifeltes Sehnen, dass aus der Kirche kam." Wer neugierig geworden ist, wie sich dieses Sehnen anhört, erhält jetzt – zwei Jahre nach dem Tod des weitgehend vergessenen Soulsängers, dessen Stimme es an Intensität mit der des ungleich bekannteren Otis Redding mühelos aufnehmen kann – mit der CD „A man needs a woman" die Möglichkeit, einen begnadeten Vokalisten kennen zu lernen, der im Leben nicht zurechtkam (Drogen- und Medikamentenmissbrauch, mehrere Aufenthalte in Nervenheilanstalten), aber ein Werk für die Ewigkeit hinterließ. Von den 24 durchweg gelungenen Songs dieser Zusammenstellung sind neben dem voller Inbrunst, aber dennoch kontrolliert gesungenen Titelsong vor allem Dan Penns Klassiker „The dark end of the street" (nach Carrs Interpretation unter anderem von Aretha Franklin und Ry Cooder gecovert) hervorzuheben, das einem tatsächlich Gänsehaut macht.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Johnny Cash: The man comes around (Mercury)

 



Bei jeder Platte des „man in black“ muss man befürchten, es sei seine letzte – live tritt er schon seit geraumer Zeit nicht mehr auf; diverse Spekulationen über eine lebensbedrohliche Krankheit konnten jedoch glücklicherweise bisher nicht verhindern, dass mit schöner Regelmäßigkeit als Ergebnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Produzenten Rick Rubin eine weitere Songkollektion im Rahmen der Reihe „American Recordings“ vorgelegt wird. Jetzt gerade die Nummer vier nach „American Recordings, „Unchained“ und „Solitary man“ – „The man comes around“. Nun mag man streiten, ob es sich, wie Cash selbst meint, um den bisherigen Höhepunkt der Serie handelt – jede der drei anderen Produktionen ist so stark, dass sie diesen Ehrenplatz für sich beanspruchen könnte – doch zumindest fällt die aktuelle Cd gegenüber den anderen nicht ab. Nach einem fulminanten Auftakt mit dem Titelsong in dem für Cash typischen Sprechgesang reiht sich ein Glanzlicht an das nächste – und wieder einmal staunt man, wie Cash sich Stücke von durchaus diskutablen Songschreibern wie etwa Sting aneignet und sie auf eine Weise interpretiert, in der vom Original – glücklicherweise – wenig übrig bleibt. Man denke nur an das grandiose „One“ von
dem unsäglichen Bono auf „Solitary man“. Stings „I hung my head“ gehört ebenso zu denHöhepunkten wie „Personal Jesus“ von Depeche Mode, Trent Reznors „Hurt“ oder das gemeinsam mit Nick Cave gesungene „I’m so lonesome I could cry“ von Hank Williams, den Cash schon mehrfach gecovert hat – u.a. auch auf der „Timeless“-Tribute-CD, die letztes Jahr erschien. Den sehr guten Gesamteindruck vermögen auch ein zwei, etwas flachere Interpretationen nicht ernsthaft zu schmälern – „In my life“ von Lennon/Mc Cartney allerdings gewinnt nicht wirklich an Substanz in der Fassung von Johnny Cash. Aber was soll das Mäkeln angesichts einer derart grandiosen Platte, die einen hoffen lässt, dass es noch viele „letzte Werke“ von einem der größten amerikanischen Sänger geben wird.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Nick Cave and the Bad Seeds:
Nocturama (Mute/Virgin)

 

Aktuelle Musik pflege er grundsätzlich nicht zu hören, ließ Nick Cave einen Interviewpartner wissen, und dass er von Grund auf konservativ sei, manchmal reaktionär und allem Fortschritt gegenüber misstrauisch. Und das inzwischen zwölfte Album des Australiers beweist einmal mehr, dass Caves von Vorbildern wie John Lee Hooker, Bob Dylan, Lee Hazlewood und Leonard Cohen beeinflusste Musik sich jeder Mode verweigert und in bestem Sinne zeitlos ist. Gleich mit dem Auftakt des mehr als sieben Minuten langen Openers „Wonderful life" wird man von Caves mit Pianoklängen, einer rollenden Hammond-Orgel und Blixa Bargelds Pedal Steel Guitar untermalten unverwechselbaren düster-melancholischen Stimme hineingezogen in eine Songsammlung, die zu den besten seiner Karriere gehört, die 1977 begann, als er mit seiner damaligen College-Band „The boys next door" in den Pubs von Melbourne auftrat. „It’s a wonderful life... if you can find it" – denn nichts ist einfach wundervoll im Cave’schen Kosmos. Auch nichts jedoch so schrecklich, dass es nicht etwas Schönes enthalten könnte – berückender als im zweiten Stück „He wants you" hat
Gevatter Tod („He’s straight and he is true"), allgegenwärtig in Caves Œuvre, wohl noch nie jemanden umgarnt. Das eingängigste Stück ist „Bring it on", im Duett mit Chris Bailey, dem Sänger der legendären Pre- Punk-Band The Saints, gesungen und für Cave’sche Verhältnisse geradezu euphorisch. Es ist eines der drei Stücke, in denen lautere Töne angeschlagen werden, während ansons-ten die schwermütigen fragilen Kompositionen dominieren, die Cave nach eigenem Bekunden seit einigen Jahren wesentlich mehr intereressieren als der härtere Sound seiner Frühzeit. An diese rauen Zeiten erinnert „Babe, I‘m on fire" der fast 15-minütige Abschluss dieser bereits jetzt klassisch anmutenden CD.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.


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Julie Delpy: Julie Delpy
(Crépuscule/PIAS)


Bisher kannte man die Französin Julie Delpy nur als Schauspielerin, die in zahlreichen internationalen Produktionen tätig war. Als ihr Entdecker gilt Jean Luc Godard, der sie 1984 in „Détective" mit unter anderem Jean Pierre Léaud und Nathalie Baye besetzte, später spielte sie in Filmen von Bertrand Tavernier, Krzysztof Kieslowski, Volker Schlöndorff, Ri-chard Linklater und Mika Kaurismäki. Seit einiger Zeit lebt Julie Delpy in den USA, und die Lieder auf ihrer im Oktober erscheinenden CD singt sie in englischer Sprache. Das Ergebnis ist mehr als überzeugend: Die 13 selbst komponierten Folk-Rock-Songs, die bisweilen an die legendäre
Velvet-Underground-Chanteuse Nico erinnern, handeln überwiegend von enttäuschter Liebe – ihr Vater, so war unlängst in einem „Spiegel"-Interview zu lesen, habe ihr vorgehalten, dass sie, während andere aufgrund gescheiterter Beziehungen depressiv werden, damit Geld verdiene. Wenn man diese CD hört, möchte man
fast wünschen, dass Julie Delpy noch viel Unglück musikalisch verarbeiten muss.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Bob Dylan and the Rolling Thunder Revue: Live 1975 DoCD (Sony)

 


Die Fortsetzung der „Bootleg Series“ von Bob Dylan brachte Ende letzten Jahres mit dem 1975er Konzert der „Rolling Thunder Revue“, einer bunten Gruppe von befreundeten Musikern und Literaten, ein absolutes Highlight. Selten hat man den vielleicht bedeutendsten amerikanischen Songwriter inspirierter gehört – keine Spur von Nuscheln oder Krächzen, Dylan „singt“ einige seiner besten Songs mit spürbarer Anteilnahme, ja teilweise Inbrunst, und was alle wundern mag, die in den letzten Jahren ein Konzert auf der „endlosen Tournee“ des Meisters erleben durften – damals sprach er noch mit seinem Publikum und inszenierte sich anders als heute noch nicht als lebende Legende. Abgesehen von einigen zweifelhaften Duetten mit der unvermeidlichen Joan Baez (bis auf das herbschöne und herzzerreißende
„The water is wide“ reiht sich ein Höhepunkt an den nächsten – besonders gelungen sind die Songs vom Album „Desire“ (u. a. ultimative Versionen von „Hurricane“, „Sara“ und „Romance in Durango“). Weitere Glanzlichter unter vielen starken Interpretationen sind „Love minus zero, no limit“, „It ain’t me babe“, und „Simple Twist of fate“.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Bob Dylan: 15 Hybrid Super Audio CDs (Sony)


Der Musikindustrie geht es schlecht, der Verkauf von CDs ist stark rückläufig, Zuwächse erzielen seit geraumer Zeit nur noch Rohlinge, auf die man seine Lieblingsmusik brennen kann. Nicht immer ist dies legal, und so versuchen Musikkonzerne die Übeltäter, die sich unerlaubterweise Songs aus den Internettauschbörsen herunterladen oder den Kopierschutz von CDs mit illegaler Software umgehen, durch harte Strafen abzuschrecken. Vielleicht gelingt es der Musikindustrie jedoch auch mit anderen Mitteln, der maroden Branche wieder etwas Schwung zu verleihen – große Hoffnungen werden derzeit auf einen neuen Tonträger gesetzt: die Super Audio CD. Nachdem die Musikfreunde eine Vorgängerversion nur zögernd angenommen hatten, da man über einen SACD-Player verfügen müsste, um den eindeutigen klanglichen Mehrwert genießen zu können, gibt es die meisten SACDs auch in einer so genannten Hybridversion. Neben den höherwertigen Mehrkanalinhalten ist auch eine normale CD-Schicht auf den Scheiben, sodass der Einsatz sowohl in einem SACD-tauglichen Gerät als auch in einem herkömmlichen Player möglich ist. Am 22. September veröffentlichte Sony auf einen Schlag gleich 15 klassische Platten von Bob Dylan in dem neuen Format, die Veröffentlichungen reichen von 1963 („The Freewheelin’ Bob Dylan") über Highway 61 revisited (1965 mit u. a. „Like a rolling stone") und das meisterliche „Blood on the tracks" (1975) bis hin zu der bislang letzten CD „Love and theft". Demnächst erscheint auch eine neue CD aus der famosen Bootleg-Reihe mit klassischen Dylan-Konzerten auf SACD.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.


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Duke Ellington, Charly Parker,
Miles Davis, Count Basie, Billie
Holiday und andere: George
Gershwin’s most beautiful song Summertime (Efa)

 


„Summertime … and the livin’ is easy" – keine Zeile als die des Refrains von George Gershwins Jahrhundertsong passt wohl besser zu dem gerade beendeten Jahrhundertsommer (die Landwirte und andere Opfer der Dürre in weiten Teilen Europas mögen es verzeihen); die Initiatoren dieses ungewöhnlichen CD-Projekts bewiesen jedenfalls ein fast perfektes Timing. Ja, ungewöhnlich und gewagt kann man es wohl allemal nennen, wenn man zwanzig Versionen eines Lieds auf einem Album vereint, selbst wenn es sich um das zeitlose „Summertime" handelt. Mit dieser einfachen, stimmungsvollen Bluesmelodie evozierte der US-amerikanische Komponist und Pianist George Gershwin (1898–1937) eine eigen-tümliche friedvolle Stimmungslage, aus der sich der tragische Teil der American-Folk-Opera „Porgy und Bess" (1935) entwickelt. Die Komposition, die sich einerseits auf die europäische veristische Oper bezieht, andererseits Elemente aus dem Jazz, Spiritual und Blues verwendet, ist der wohl erste eigenständige Beitrag Amerikas im Operngenre. Porgy and Bess brachte einige veritable Welthits hervor, doch kein Stück erreichte die Breitenwirkung von „Summertime".
Die Zahl der Coverversionen dieses Klassikers geht in die Hunderte – eine exzellente Auswahl davon ist auf dieser CD versammelt, die keine Sekunde langweilt, zu unterschiedlich sind die beteiligten Künstler, die nur eines eint – sie zählen zu den absolut Besten des Jazz, Blues, Soul und Rock. „Summertime" wird unter anderem von Duke Ellington, Miles Davis, Ella Fitzgerald, Janis Joplin, Sam Cooke, Count Basie, Bing Crosby, Sarah Vaughn, George Benson, Louis Armstrong und Charly Parker zu Gehör gebracht, die jede(r) für sich der Melodie andere Nuancen abgewinnen können, sodass die CD fast wie eine eigenständige Komposition wirkt. Exquisit!


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

 

 

Philip Glass: The Hours.
(Nonesuch/Warner)

 


Zumeist haftet Filmmusik etwas Abruptes, Kurzatmiges, Stückwerkhaftes, ja Zusammenhangloses an. Den Vorgaben von Bild- und Handlungsabläufen folgend, bietet das Medium Film dem Komponisten nur selten die Möglichkeit, seiner musikalischen Idee einen in sich geschlossenen Ausdruck zu verleihen. Zweckrationalität bestimmt ihren Charakter. Deshalb gehört denn auch der
Soundtrack des kürzlich angelaufenen amerikanischen Films „The Hours" zu den seltenen Ausnahmen. Philip Glass, einer der Großen im Bereich der so genannten „minimal-music", hat die Chancen, die sich ihm in Stephen Daldrys Film boten, voll genutzt. Seine elegische Musik – von den vierzehn streng thematisch bezogenen Tracks mit Titeln wie „The Poet Acts", „Morning Passages", „The Kiss", „Escape!" oder „Choosing Life" unterschreiten nur zwei die durchschnittliche Spieldauer von drei bis vier Minuten – atmet den klassischen Geist der sinfonischen Poeme Liszts und Rachmaninows. Unterstrichen wird dieser Eindruck noch durch die starke pianistische Komponente (Piano: Michael Riesman) im Zusammenspiel mit dem Lyric Quartett und einem Orchester unter der Leitung von Nick Ingman. Glass-Gegner dürften es nicht schwer haben, dem Komponisten epigonalen Neo-Klassizismus, Pseudoklassizismus oder Pseudoromantik vorzuwerfen. Wie auch immer: Glass‘ melodiöse Musik zu „The Hours" überzeugt gerade durch ihre poetische Melancholie.


Adelbert Reif, UNIVERSITAS


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Go Betweens: Bright yellow, bright Orange (Efa/Clearspot)

 

 

Zwei Jahre ist es her, dass die Go Betweens mit „The Friends of Rachel Worth" ein grandioses Comeback feierten, nachdem Robert Forster und Grant McLennan sich nach sechs Platten, die von 1978 bis 1989 entstanden waren, getrennt hatten, um eigene Wege zu gehen. Wer gehofft hatte, dass das „perfekteste noch
existierende Songschreiber-Team im zeitgenössischen Pop" („Der Spiegel") sich nach dieser zugleich melancholischen und euphorischen Songsammlung zu einer dauerhaften Reunion entschließen würde, darf sich nun freuen. Die zehn neuen Stücke, die, wie zu Zeiten der guten alten Schallplatte, nur 39 Minuten währen, sind im besten Sinn perfekt geraten. „Wer sie liebt, liebt sie sehr", schrieb Martin Pesch einmal in der taz. Wie Recht er hat.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Adam Green: Friends of mine (Sanctuary)



Adam Green, wenigen glücklichen Eingeweihten bekannt als Mitglied der charmanten Moldy Peaches, ist mit Kimya Dawson und Jeffrey Lewis einer der wichtigsten Protagonisten der New Yorker Antifolk-Szene, bei der es sich ähnlich wie bei der Poetry-Slam-Szene um Selbstaneignung dreht, um das offene Mikrofon für
alle, mit allen damit verbundenen Unwägbarkeiten, Risiken und Schwächen. Der Begriff soll zurückgehen auf einen amerikanischen Songwriter, der seine akustische, jedoch vom Punk inspirierte Musik nicht auf FolkFestivals spielen durfte. Auf dem New Yorker Folk Festival soll er wütend gerufen haben: „Wenn das hier Folk ist, dann bin ich Antifolk."
Die zweite Cd Adam Greens entzieht sich allen Kategorisierungsversuchen – da sie perfekt produziert ist, sprach man schon von Anti-Antifolk – und ist schlichtweg genial. Alle 15 Songs sind kleine Kunstwerke, und man mag es kaum glauben, dass hier ein Jungspunt von 22 Jahren singt. Immer wieder fühlt man sich an Bekanntes erinnert, den jungen John Cale, Lee Hazlewood, Beck, Nick Drake oder Jonathan Richman. Und dennoch hat das Ganze nichts Epigonenhaftes, sondern klingt unverwechselbar nach Adam Green, der übrigens im Herbst auf Deutschland-Tournee kommt. Wunderbare Melodien, feine Streicherarrangements, die die Songs nicht erschlagen, verschrobene Texte und über allem die Stimme Adam Greens, der eine große Karriere vor sich hat.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS


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H


Emmylou Harris: Stumble into
grace (Nonesuch/Eastwest)

 

Fast genauso lange wie Van Morrison, nämlich seit 1969, nimmt Emmylou Harris, die Grande Dame des Countryfolk, Platten auf und veredelt die Produktionen von zahllosen Kollegen und Kolleginnen mit ihrer unverkennbaren Stimme. Mit „Wrecking ball" (1995) und „Red dirt girl" (2000) bildet die CD eine durch den dreifachen Produzenten Malcolm Burn, einen Schüler von Daniel Lanois (der u. a. für den Sound von Bob Dylans „Oh mercy" mitverantwortlich ist), zusammengehaltene Trilogie – zum zweiten Mal nach „Red dirt girl" hat Emmylou Harris auch den Großteil der Kompositionen beigesteuert. Unterstützt wird sie u. a. von Kate und Anne McGarricle, Gillian Welch, Linda Ronstadt und Julie und Buddy Miller , den üblichen Verdächtigen – glücklicherweise. Hier musizieren Freunde, Künstler, die so lange Musik machen werden, bis die letzte Klappe fällt – wie unlängst bei Johnny Cashs Frau June Carter Cash, der Emmylou Harris das Abschiedslied „Strong hands for June" gewidmet hat.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Penelope Houston: Eighteen stories down (WEA)

 

Und noch eine Wiedergeburt: Mit Penelope Houston hatte man eigentlich auch nicht mehr gerechnet – obgleich das Booklet ihrer neuen CD noch einmal daran erinnert, dass die kalifornische Songwriterin sich in ihrer inzwischen 25 Jahre währenden Karriere mehrfach neu erfunden hatte und nach längeren Aufenthalten im Tal des weitgehenden Vergessens immer wieder auftauchte, um zu beweisen, dass sie zu den besten amerikanischen Liedermacherinnen ge-hört. Vom Punk herkommend – ihre erste Band, die Avengers, zählte zu den innovativsten des Genres –, avancierte sie ab 1987 zur weiblichen Ikone des Neo-Folk. Mit Alben wie „Birdboys" (1987), „The whole world" (1993) und „Karmal apple" (1994) gewann sie vor allem in Europa eine erstaunlich große Fangemeinde für eine Musikerin, die immer weitab vom Mainstream anzutreffen war. Mit „If this is a man’s world, than I’m glad I’m a girl" hatte sie auch so etwas wie einen Hit. Der Karrierebruch erfolgte, als sie mithilfe eines Major Deals auch in ihrer Heimat den Erfolg zu erringen versuchte, den sie außerhalb der Staaten hatte. Das Gegenteil trat ein. Die Produktion einer neu abgemischten Best-of-CD für den amerikanischen Markt mit einigen neuen Stücken verprellte viele ihrer Anhänger und neue kamen nur wenige hinzu. Sie tauchte einige Jahre ab, und das 1998 mit dem ehemaligen Green- on-red-Gitarristen Chuck Prophet eingespielte „Tongue", das neben der wunderbaren „Ballad of Happy Friday and Tiger Woods" noch zahlreiche Titel enthielt, die den denen der Vorgängeralben ebenbürtig waren, wurde kaum registriert.
Ein Wermutstropfen für langjährige Fans – nur vier der „Eighteen Stories down", überwiegend Stücke von „Birdboys", „The whole world" und „Karmal apple", sind absolut neu, diese vier fügen sich jedoch nahtlos in das Spektrum ihrer besten Songs, und die abschließende zärtlich spröde Coverversion von John Cales „Buffalo Ballet" ist einfach traumhaft schön. Zu schön wäre es auch, wenn es demnächst wieder einmal ein vollständig neues Album von Penelope Houston gäbe.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 


31 Songs
Von Nick Hornby
Kiepenheuer & Witsch 2003, 160 Seiten,
14,90 Euro.

 

 


„Ich schreibe Bücher, weil ich keine Popsongs schreiben kann." Mit seinen Romanen „Fever Pitch" (Ballfieber), „High Fidelity" und „About a boy" wurde Nick Hornby nicht nur in seiner Heimat England zum gefeierten Autor – alle Bücher wurden fürs Kino adaptiert, und das „Literarische Quartett" kam ebenfalls nicht am erfolgreichsten britischen Autor des letzten Jahrzehnts vorbei und bewies bei der kenntnisarmen Besprechung von „About a boy", das man nur über Dinge reden sollte, von denen man etwas versteht.
Mit „How to be good", seinem letzten Buch, zeigte Hornby, dass die Charakterisierung als so genannter Pop-Autor weit von der Realität entfernt ist – und legt nun mit „31 Songs" ein Buch vor, das dieses falsche Image wieder zu bestätigen scheint. Und das, obwohl es sich nur an Menschen wendet, die mit populärer Musik etwas anzufangen wissen, keinesfalls tut. Die „31 Songs" sind nicht unbedingt Hornbys Lieblingslieder, es sind Stücke, die ihm als Anlass dienen, über sein Leben und manchmal auch über das Leben schlechthin, über Glaube, Liebe, Krankheit, Scheidung oder die kleinen und großen Freuden des Alltags zu reflektieren – und zwar in einer derart erfrischenden, bodenständigen Art, wie man ihr in der heutigen Literatur viel zu selten begegnet. Umso besser, das dies auch die Feuilletonisten so unterschiedlicher Zeitungen wie der „FAZ" und der „taz" erkennen und das Buch dermaßen euphorisch würdigen, dass es vielleicht auch andere Leser als die findet, die ohnehin jeden neuen „Hornby" kaufen. Gewarnt seien jedoch potenzielle Leser, die Popmusik bes-tenfalls nebenbei hören und deren popmusikalischer Horizont bei Joe Cocker, Tina Turner oder dem Klon von Mick Jagger endet, der auf der jeweils letzten Stones-CD so tut, als sei er der Originalsänger der einstmals besten Band der Welt. Dies wäre so, als hörte man die „Drei Tenöre" und hielte sich für einen Liebhaber klassischer Musik. Wer jedoch den „klassischen" Drei-Minuten-Song liebt und weiß, dass ein Leben ohne Popmusik sicher möglich, aber doch ein ganzes Stück weniger erfreulich wäre, der wird an den „31 Songs" viel Vergnügen haben. Hornbys Lieblingsstück ist Bruce Springsteens „Thunder Road", von dem er schreibt, dass dieses Lied „weiß, was ich fühle und wer ich bin, und das ist letztendlich eine der tröstlichsten Eigenschaften von Kunst."


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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I


J

Jayhawks: Rainy day music
(Lost Highway)

 

Eigentlich hätte man es nicht mehr zu hoffen gewagt, dass die Jayhawks noch einmal wirklich wiederkommen würden. Die Band, die Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger einige Country-Folk-Pop-Alben geschaffen hatte, die bis heute ihresgleichen suchen, und die mit „Hollywood Town Hall" ein Americana-Monument für die Ewigkeit (zumindest für die des Rezensenten) errichtete, hatte nach dem Ausstieg von Mark Olson 1994 den Kompass verloren und war richtungslos durch das popmusikalische Niemandsland gedriftet – zwei CDs, die die Welt nicht wirklich brauchte, entstanden während dieser musikalischen Durststrecke. Olson schmiedete inzwischen in der kalifornischen Wüste mit seiner an MS erkrankten Frau Victoria Williams ein Americana-Kleinod nach dem anderen und brachte gerade mit „December" wiederum – weitgehend unbemerkt von der übrigen Welt – ein echtes Schmuckstück auf den Markt.
Mit dem „Rainy Day Music" – das auch an den heißesten Sommertagen die Herzen wärmt – keinen Vergleich zu scheuen braucht, denn das von Rick Rubin (der für die Produktion der letzten vier formidablen Johnny Cash-CDs verantwortlich zeichnet) und Ryan-Adams-Produzent Ethan Johns produzierte Album der zum Trio geschrumpften Jayhawks ist die Rückkehr zu alter Höchstform. Mit bittersüßem Harmoniegesang ohne jedes Saccharin und feinen Widerhaken in den nur scheinbar leichtgewichtigen Stücken, die dafür sorgen, dass die Platte bei jedem Hören wächst. Und vor allem mit meisterlichem Songwriting. Jedes der zwölf Lieder ist rundum gelungen– mit „Will I see you in heaven" am Ende des Albums verabschieden sich die Jayhawks hoffentlich nicht bis zum Paradies, sondern nur bis zur nächsten himmlischen CD. Auf die man nicht wieder mehr als eine Dekade warten möchte.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

 



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K


L


M


N

Randy Newman: Songbook Vol.1 (WEA)

 

„Oh it’s lonely at the top" heißt es in einem von Randy Newmans Songs, die die Liebhaber seiner brüchig-ironischen Preziosen in gute und Meisterwerke unterscheiden – ob er uns
deswegen auf dem Cover einer Zusammenstellung von 18 Stücken aus allen Schaffensperioden seiner mehr als 30-jährigen Karriere den Rücken zukehrt? Oder ob er schlichtweg genug hat von einem Musikgeschäft, in dem schlichter gestrickte Kollegen wie Joe Cocker oder Tom Jones mit völlig fehlinterpretierten Coverversionen von „You can leave your hat on" Erfolge feierten, während er seinen Lebensunterhalt mit dem Komponieren überaus erfolgreicher Filmmusik verdienen musste, obwohl er für seine Lieder und Texte überschwäng-liches Kritikerlob erntete und sich Liebhaber wie Wiglaf Droste vor jedem seiner Songs am liebsten verneigen würden, wer weiß es? Vielleicht wendet er sich ja auch mit Grausen von der Außenpolitik der aktuellen amerikanischen Administration ab, auf die sein vor vielen Jahren geschriebener Klassiker „Political science" gemünzt sein könnte? In diesem Song lässt er einen Landsmann über unliebsame Staaten und widerspenstige Bündnispartner räsonnieren: „Asia’s crowded, and Europe is too old … let’s drop the big one (= die Atombombe, die Red.), there’ll be no one left to blame us." Als Newman kürzlich in der Schweiz ein Konzert gab, blieb der sonst übliche Lacher an dieser Stelle aus und der Sänger beschwerte sich darüber, dass Donald Rumsfeld ihm mit seinen Litaneien über das „alte Europa" einen Gag gestohlen habe.
Dem Songbook Vol. 1, dessen Lieder nur mit spartanischer Klavierbegleitung eingespielt sind und Newman an den Anfang seiner Karriere zurückführen, sollen zwei weitere Kompilationen folgen – so schön es ist, einen Großteil des Newman’schen Schaffens auf das Wesentliche reduziert zu hören, so sehr würde man es sich wünschen, dass er nach inzwischen vierjähriger Pause wieder einmal ein Album mit neuen Stücken vorlegt. Falls er allerdings unter einem writer’s block leiden sollte, hat er mit den Songbüchern einen mehr als zufrieden stellenden Weg gewählt, um die Wartezeit zu verkürzen.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.


O

Marc Olson and the Creekdippers: December’s Child (Glitterhouse)

 

Irgendwann in den Siebzigern gründete der aus Minneapolis stammende Mark Olson die Jayhawks, die mit „Hollywood town hall" eine der berückendsten Songsammlungen des Americana-Sound schufen. Mitte der neunziger Jahre verließ Olson die Band, um seine Frau, die an multipler Skerose erkrankte Sängerin Victoria Williams (deren sechs bisherigen CDs alle in die musikalische Hausapotheke gehören), besser zu unterstützen. Auf ihrem Anwesen in der kalifornischen Wüste haben sie seither, unterstützt vom Violonisten Mike Russell und befreundeten Musikern vier Platten im Homerecording-Verfahren aufgenommen; die neue CD „December’s Child" entstand im Studio und ist die bisher gelungenste Songsammlung der Band – elf abwechslungsreiche, melodische Folkrockstücke mit Tiefgang für Herz und Hirn. Eine wahre Klangoase in der Mainstreamwüste.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Mark Olson and the Creekdippers : Creekdippin for the first time
(Fargo)

 


Wer nicht das Glück hatte, eines der herzerwärmenden, intimen Konzerte der Creekdippers – Mark Olson (Gesang, Gitarre, Harmonika), Ehefrau Victoria Williams (Gesang, Gitarre, Banjo) und Mike Russell (Violine, Bass, Mandoline) zu bewundern, wo die ersten drei im Homerecordingverfahren aufgenommenen CDs bisher ausschließlich erhältlich waren, wird sich freuen, dass jetzt eine Compilation vorliegt, die eine Auswahl der schönsten der fragilen, meist melancholischen Kompositionen der Gruppe bringt, die das Beste verkörpert, was die amerikanische Alternative-Country-Musik zu bieten hat. Das Booklet ist übrigens außergewöhnlich liebevoll und informativ gestaltet.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS


P


Q


R


S

Shout out louds: Our ill wills (Haldern Pop/Rough Trade)

 

Die beste Cure-CD seit Menschengedenken ist man versucht zu sagen, wenn man das Nachfolgealbum des 2005 erschienenen Debüts (Howl Howl Gaff Gaff) der schwedischen Band Shout out louds zum ersten Mal hört – und auch die Liebste fragte beim "ersten Mal" gleich nach The Cure. Doch man würde den im September 2007in Deutschland tourenden Musikern unrecht tun, wenn man sie als Epigonen der Veteranenband um Robert Smith abstempeln würde, und zudem ist "Our ill wills" um einiges ausgereifter als das ohnehin schon sehr gelungene Debüt und macht den Hörer mit seinem melancholischen melodieseligen Pop schlichtweg glücklich – mindestens für die Hördauer von 12 fein ziselierten Songperlen.
Bela Büsemann , UNIVERSITAS

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Sons of Jim Wayne: Sweet Madonna (Indigo)

 

Im Vorprogramm von Lucinda Williams spielte eine der zahllosen Bands, deren Namen man schnell wieder vergisst und denen man eine inspiriert zusammengestellt Musik vom Band vorgezogen hätte. Einen perfekten Opener hätten jedoch die Sons of Jim Wayne gegeben, die zwar aus deutschen Landen stammen, die man aber viel eher in den amerikanischen Südstaaten vermuten würde. Auf ihrem neuen Album präsentieren Stefan Kullik und Bernd Uebelhoede eine perfekt abgehangene Sammlung von Songs, die – so die Band selbst – den „Rock als Geburtshelfer" (Stooges, Hüsker Dü), den „Country als „Taufpaten" (Hank Williams) und den „Bluegrass als Bewährungshelfer" (Dr. Ralph Stanley) haben. Der von schwungvollen Banjoklängen angetriebene Auftaktsong „Angry man" lässt vermuten, dass auch die irischen Pogues zu Zeiten
eines Shane McGowan in die von der Band verehrte Ahnenreihe gehören könnten. Sicher jedoch ist, dass die wunderbare Gillian Welch ihre Einflüsse hinterlassen hat, besonders manche Lieder von Stefan Kullik brauchen sich vor den Bluegrass- und Alternative-Country-Songs auf dem mit einem Grammy ausgezeichneten Soundtrack des Films „Oh Brother where are thou" der Coen Brüder (Fargo) nicht zu verstecken.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Joe Strummer: Streetcore (Hellcat/SPV)

 

Auf einer im kommenden Jahr erscheinenden Sammlung der letzten Aufnahmen Johnny Cashs wird auch ein Duett mit Joe Strummer, dem ehemaligen Sänger von The Clash, zu hören sein: Bob Marleys „Redemption Song", den Strummer auf diesem posthum veröffentlichten und von Rick Rubin (der die letzten großartigen Cash-CDs produzierte) betreuten Album allein singt. Streetcore, nach Strummers Tod sorgfältig zu Ende geführt, ist alles andere als Leichenfledderei – Soul, Rock und Blues auf höchstem Niveau – ein würdiger Abschied fürwahr.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

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South San Gabriel: Convalescence (Munich/Volume 11)

 

Bereits vor einigen Monaten veröffentlicht, aber doch die perfekte Platte für den Herbst: South San Gabriels zweites Album nach Songs/Music ist wieder ein minimalistisches, melancholisches Meisterstück mit acht Songs, die sich Zeit nehmen, in aller Ruhe zu Klanglandschaften ausbreiten und den Hörer mitnehmen in die Stunden nach Mitternacht. Song-schreiber Will Johnson aus Texas hat für dieses Projekt wieder all seine Mitstreiter von seiner Hauptband Centro-Matic versammelt, und fast scheint es so, als würde er die ruhigen Momente für South San Gabriel reservieren. Wer Lambchop mag, Will Oldham alias Bonnie Prince Billie schätzt und die Klangcollagen von Calexico zu goutieren weiß, ist mit South San Gabriel auf der sicheren Seite. Kommen eben aus Austin/Texas, die Jungs.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 


T

Richard Thompson: The old kit bag (Cooking Vinyl)

 

„Zum ersten Mal sah ich ihn und seine Exfrau Linda live 1977, und sie sahen aus wie Figuren von Thomas Hardy (…) Thompsons ausgezehrtes, gequältes, altmodisches Gesicht erinnerte mich an den armen Jude Fawley und seine glücklosen Versuche, in Oxford zu studieren. Linda trug einen Kittel und ein Kopftuch, saß auf einem Stuhl (…) und wirkte elend, so als würde Thompson versuchen sie zu verkaufen." So schreibt Nick Hornby in „31 Songs" über „Cavalry Cross", einen Thompson-Song, in dem man ein England hören kann, „über das Blake und die Brontës geschrieben haben, ein alter unheimlicher Ort voller finsterer satanischer Bauern und heulender Winde, wo Fußball mit einer Schweinsblase gespielt wird und ähnliche Dinge mehr".
Richard Thompson ist der wohl britischste aller Folkrocksänger und hat in seiner über 35-jährigen Karriere (die 1967 mit der Gründung der legendären Fairport Convention begann) zahlreiche großartige Platten aufgenommen, darunter die sechs Alben, die 1974 –1982 mit seiner damaligen Frau Linda entstanden. Obwohl Thompson die unterschiedlichsten Stile in seine Musik integrierte und unter anderem mit den Avantgardemusikern John French, Fred Frith und Henry Kaiser zusammenarbeitete, ist sein Gitarrenspiel ebenso einmalig und unverwechselbar wie seine Stimme, die jede seiner Auf- nahmen prägt. So auch auf der neuen CD, gleichsam ein Destillat seines bisherigen Schaffens und daher auch gut geeignet, wenn man bisher noch nie etwas von Richard Thompson gehört hat. Wozu man allerdings entweder auf einem anderen Planeten leben muss oder sich für populäre Musik nicht wirklich interessiert.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Tres Chicas: Sweetwater (Yep Roc))

 
Schönheit pur: perfekter Harmoniegesang, überzeugende Kompositionen und die kongeniale Produktion Chris Stameys (der gerade selbst mit einem überaus gelungenen Album, einer Zusammenarbeit mit Yo la tengo, Aufsehen erregt hat) machen Sweetwater zur schönsten Folk/ Country/Singer-Songwriter-CD des letzten Jahres. Caitlin Cary (seinerzeit musikalische Partnerin von Ryan Adams bei Whiskeytown, Tonya Lamm von Hazeldine und Lynn Blakey, die sonst bei Glory Fountain singt, bilden mit Eigenkomositionen und exquisiten Coverversionen ein weibliches Dreamteam, das das Warten auf die nächste Lucinda Williams-CD auf das Angenehmste verkürzt.

Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

TRES CHICAS und IAN MOORE auf Tournee (Yep Roc)
24.04. Duisburg, Hundertmeister
25.04. Hamburg, Knust
26.04. Halle, Objekt 5
27.04. Berlin, Café Zapata
29.04. Geislingen, Rätschenmühle
23.04. NL-Utrecht, Blue Highway Festival
30.04. CH-Rubigen, Mühle Hunziken
01.05. Frankfurt, Dreikönigskeller


 


U


Uncle Tupelo:
No depression/Still feel gone/
March 16–20, 1992
(alle Columbia/Sony Legacy)
Anodyne (Sire/WEA)

 

Vor einigen Monaten erinnerte „Uncle Tupelo 89–93: An Anthology" mit einem Querschnitt durch das Schaffen der Herren Jeff Tweedy (heute Wilco) und Jay Farrar (heute solo oder mit Son Volt) daran, was mit der Trennung der beiden 1994 verloren ging. Nun sind die vier Platten der Band klangtechnisch überarbeitet worden und sind mit bisher unveröffentlichten oder schwer erhältlichen Bonusstücken und schönen Booklets auf dem Markt. „No depression" – die Coverversion eines Liedes der Carter Family war zugleich Name der ers-ten CD und Programm. Eine ganze Musikrichtung in den USA lief unter diesem Label: eine Mischung aus den Traditionen der Vergangenheit (Country, Bluegrass und Folk) und Anleihen aus Punk und Grunge. Der auf dem bereits überzeugenden Debüt eingeschlagene Weg wurde 1991 mit „Still feel gone" fortgesetzt; insgesamt ist die CD, die ausschließlich Eigenkompositionen enthält, in sich geschlossener.
Ihr Meisterstück lieferte die Gruppe dann mit March 16-20, 1992, einer
stilistischen Kehrtwendung par excellence, ab: Von R.E.M.-Mastermind Peter Buck spartanisch, rein akustisch arrangiert, tauchte die Band ein in das tiefdunkle Herz des amerikanischen Westens. Von den zahlreichen American Folk Traditionals heben sich die eigenen Stücke kaum ab – das Album geriet zu einem Klassiker des Genres, danach konnte man auf eine Weiterentwicklung nicht mehr hoffen.
Doch bevor es 1994 dann zum Split der beiden gegensätzlichen Charaktere kam, erschien mit „Anodyne" (nach einem Wechsel des Labels bei Sire Records) ein weiteres Opus mag-num. Auch hier Traditionspflege im besten Sinn und einige wahrhaft unwiderstehliche Melodien. „Anodyne" hat die überzeugendsten Bonus-Tracks der Reihe – unverzichtbar Jay Farrars „Are you sure Hank (Williams) done it this way".


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.


V


W

Rufus Wainwright: Want one
(Dreamworks/Universal)

Loudon Wainwright III:
So damn happy (Sanctuary)


 

„This record is dedicated to me", schreibt Rufus Wainwright, Sohn der Folk-Sängerin Kate McGarrigle und von Loudon Wainwright III., der gerade mit „So damn happy" das ungefähr 20. Album in seiner 33-jährigen Karriere vorlegt, im Booklet zu „Want one", seiner inzwischen dritten Produktion. Vielleicht weil er glaubt, dass niemand ihm folgen will auf seiner Reise durch 14 kunstvolle Songs voller Grandezza und Emotionen? – von kommerziellem Selbstmord gar, wie man ihn reizvoller kaum begehen kann, war im Spiegel die Rede. Manchmal hart an der Grenze zum – immerhin großen – Kitsch wie im Opener „Oh what a world", der Ravels Bolero zitiert, aber eben nie über der Grenze, an der das überbordende Gefühl im Bombast erdrückt wird. Große Musik, der hoffentlich mehr Aufmerksamkeit zuteil wird als den beiden leider weitgehend unbemerkten Vorgänger-CDs und seinem Vater Loudon, der zwar ein inzwischen doch sehr umfangreiches Gesamtepos aufweist, jedoch trotzdem nie den ganz großen Durchbruch geschafft hat, wie er einem Künstler mit seinen immensen Fähigkeiten gebühren würde.
Dafür ist der Singer/Songwriter Loudon Wainwright wahrscheinlich doch zu subtil und Themen wie Einsamkeit, Angst vor dem Alter, Tod und Beziehungsverwerfungen sind auch nicht unbedingt der Stoff, aus dem Hits für den Massenmarkt geschnitzt werden. Mögen sich die Eingeweihten erfreuen an einem entspannten Live- Album, das mit Unterstützung von kongenialen Musikern wie dem allgegenwärtigen Richard Thompson (Gitarre), dem musikalischen Alleskönner Van Dyke Parks (Piano) und David Mansfield (Gitarre, Mandoline) eingespielt wurde und als einen unter vielen Höhepunkten ein Duett mit Tochter Martha „You’ll never phone" aufweist.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

White Stripes: Elephant (XL Recordings/Beggars/Zomba)


Auf dem Cover des Rolling Stone, im Vorprogramm der Rolling Stones, Elogen in der „FAZ" und im „Spiegel", in der „Süddeutschen Zeitung" von Karl Bruckmair geadelt, höchstes Lob allüberall – fast muss man befürchten, dass die White Stripes nur allzu schnell ein Opfer eines gigantischen Hype werden könnten, doch eben nur fast. Denn auch die neue, inzwischen vierte CD des aus Jack (Gitarre) und Meg White (Schlagzeug) bestehenden Duos aus Detroit ist trotz oder gerade wegen des konsequenten Verzichts auf einen Bass wieder perfekt. Gerade weil sie alles andere als „perfekt" ist. Das einst kurz verheiratete Paar zelebriert seine in nur zwei Wochen mit einem mehr als bescheidenen Budget, aber umso mehr eigenwilligem Charme aufgenommenen minimalistischen Lo-Fi-, Blues- und Rock’n’Roll-Fragmente mit einer sich um keinerlei Erwartungshaltung scherenden, nur den eigenen Vorlieben verpflichteten Inbrunst, die mehr als nur Hoffnung macht, dass die beiden noch viele brachiale Soundkollagen und unwiderstehliche Preziosen wie das mit Gastsängerin Holly Golightly eingespielte „It’s true that we love one another" oder das balladeske
„I just don’t know what to do with myself" (Burt Bacharach) aus dem Ärmel schütteln werden. Übrigens werden auf Geheiß des inkonditionellen Robert-Johnson-Verehrers und eingeschworenen Traditionalisten Jack White an Rezensenten nur Vinylschallplatten verschickt, weil er möchte, dass seine Musik nur von Leuten besprochen wird, die einen Plattenspieler ihr Eigen nennen. Wohl getan!


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Peter Wolf: Sleepless (Epic/Sony)

 

„First I look at the purse" von der J. Geils Band ist einer der „31 Songs" in Nick Hornbys gleichnamigem Buch (siehe oben). Mitte der siebziger Jahre verkörperte diese Band für ihn den Sound des jungen Amerika – „laut, exotisch, cool, wild". Der Sänger der Gruppe war Peter Wolf, und dieser phänomenale Stimmakrobat, der sich im Blues, Country und Soul gleichermaßen zu Hause fühlt, hat gerade eine neue Platte herausgebracht, die an die besten Zeiten der Rolling Stones (zur Zeit von „Exile on Main Street") erinnert, und tatsächlich unterstützen Keith Richards und Mick Jagger (der hier anders als auf seinen eigenen Produktionen der letzten Jahre noch einmal beweist, dass er einer der besten Rhythm &Blues-Sänger ist, wenn das Material ihn inspiriert). Und die Songs auf diesem Album sind durchweg sehr gut bis erstklassig – Wolf hat sich an einen Rat gehalten, den ihm Harlan Howard, ein von ihm verehrter Songwriter aus Nashville, gegeben hat: „Keep it all simple and tell the truth." Wer Ryan (nicht Bryan!) Adams liebt, Steve Earle (der hier auch mitwirkt) mag, Van Morrison und Bob Dylan schätzt, wem Namen wie Otis Rush, Sonny Boy Williamson und Smokey Robinson nach etwas „klingen", der wird sich in dieser schon jetzt zeitlosen Scheibe, die fernab des heimatlosen Stadionrocks aufgenommen wurde, sofort heimisch fühlen.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

 




 



Hank Williams: No more
darkness (Trikont)


„I said to Hank Williams: How lonely does it get? Hank Williams hasn’t answered yet" (Leonard Cohen: Tower of Song). Am Silvesterabend 1952 starb auf dem Rücksitz eines Cadillac auf dem Weg zu einem Konzert irgendwo in Tennessee mit 29 Jahren einer der größten Songschreiber des 20. Jahrhunderts – Hiriam Williams, genannt Hank. „I saw the light" – scheinbar fröhlich beginnt die CD „No more darkness", die 27 seiner besten Stücke vereint, doch das Motto, dass das Leben von Hank Williams bestimmte, lautete eher „I’ll never get out of this world alive", das nicht umsonst am Schluss dieser Song-sammlung steht. „Abgerechnet wird zum Schluss" heißt es daher auch in den Liner-Notes für das Booklet, die Franz Dobler (unlängst Autor einer Johnny-Cash-Biografie im Antje Kunstmann Verlag) verfasste. Immer am Rande des Abgrunds, stets mit dem chronischen Alkoholismus ringend, ein puritanisch frommer Amerikaner, in unglückliche Beziehungen verstrickt – eine zerrissene Existenz: Keine notwendigen, aber doch immerhin beste Voraussetzungen, um herzzereißende, selbstironische, witzige und ergreifende Countrysongs (weit entfernt von dem mal pathosbeladenen, mal debil jodelschunkelnden Nashville-Country) zu schreiben, die von Hunderten von Sängern und Sängerinnen in unterschiedlichsten Musikstilen (von Al Green, Johnny Cash, Dinah Washington, Ryan Adams und und und) gecovert wurden – obwohl keiner sie besser singen konnte als Hank Williams. Beweis ist diese CD-Sammlung, die es sogar mit der von mir auch aus durchaus privaten Gründen hoch geschätzten, von Matt Johnson (The The) zusammengestellten Compilation „Alone and forsaken" aufnehmen kann.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS



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Lucinda Williams: World without tears (Lost highway/Universal)

 

Als Lucinda Williams, die oft spröde und unzugänglich wirkende Großmeisterin des Alternative-Country, Mitte Mai zum Auftakt ihrer kleinen Deutschlandtournee in der Darmstädter Centralstation auf die Bühne stieg, war klar, dass die inzwischen 50-Jährige trotz ihrer notorischen Flugangst (Gerüchten zufolge soll sie mit der „Queen Elizabeth II." den langen Weg über den Antlantik gefahren sein) tatsächlich den Weg nach Deutschland gefunden hatte. Zur Freude eines überwiegend mehr oder minder ehrenhaft ergrauten Publikums, das erleichtert feststellen durfte, dass die labile Texanerin bestens bei Stimme war: ein „Drunken Angel" – so der Auftakt des Konzerts – war die Tochter des amerikanischen Dichters Miller Williams zumindest nicht an diesem Abend, an dem sie ihr neues großartiges Al- bum „World without tears" vorstellte, das nach dem ruhigeren „Essence" wieder rauer daherkommt und sich schon beim ersten Hören als ein großer Wurf erweist. Ob es nun die großartigste Platte ist, die sie je aufgenommen hat – so der „Spiegel", fällt angesichts durchweg bemerkenswerter (die ersten vier, beginnend 1979 mit dem stark an Hank Williams orientierten Ramblin’ on my mind bis zum 1992er Album Sweet old world) bis einzigartiger Alben (Car wheels on gravel road 1998, Essence 2001 und jetzt World without tears) schwer zu beurteilen, doch tut dies letzlich auch nichts zur Sache, wenn man – mit Ausnahme des etwas richtungslos vor sich hin rockenden „Atonement" – zwölf großartige bluesige Balladen und Mid-tempo-Songs zwischen Folk, Rock und Country mit einer unverwechselbaren Stimme serviert bekommt. Zu der intimen Atmosphäre und dem erdigen natürlichen Sound trug auch die kongeniale Produktion bei – die CD wurde live im Wohnzimmer einer alten, zum Studio umgebauten Villa aufgenommen. Songs wie Those three days, Words fell, Righteously oder das an beste Rolling-Stones-Urzeiten gemahnende Bleeding fingers klingen schon jetzt wie Klassiker – wobei auch die anderen Songs nicht weniger prägnant und unaufdringlich eindringlich sind.

Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

 

Gillian Welch: Soul Journey
(Acony/WEA)

 

Noch nicht so lange dabei wie Emmylou Harris ist Gillian Welch, hierzulande wahrscheinlich am bekanntesten durch ihre famosen Beiträge zu dem Soundtrack des skurrilen Coen-Brothers-Film „Oh Brother, where are thou?", wo sie auch ein Stück gemeinsam mit Emmylou und der wunderbaren Alison Krauss singt. Das es ihre „sonnigste Platte" sei, kann nur glauben, wer die drei extrem karg instrumentierten (zwei Gitarren und ab und zu ein Banjo), intensiv gesungenen (zwei Stimmen,
G. Welch und Dave Rawlings) und unglaublich eindringlichen Vorgängerwerke kennt. Denn Soul Journey ist trotz etwas üppigerer Instrumentierung (Geige, Gitarre, Bass, Dobro) wieder eine wahre „Soul Journey" – mit unverwechselbarer Stimme interpretierte dunkle Country-Folk-Blues-Klassiker, herzergreifend, -erwärmend und zeitlos schön.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS

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X


Y

Yo la tengo: Summer sun
(Matador/Beggars Group/Zomba)

 

Ebenfalls eine perfekte Sommerplatte ist Yo la tengo gelungen, dem rührigen Ehepaar aus Hoboken (New Jersey), das sich seit rund zwei Jahrzehnten voller Neugier und Improvisationslust unterschiedlichen Musikstilen widmet und dennoch immer unverwechselbar geblieben ist. Dieses Mal klingen ihre bekannten musikalischen Vorlieben (Velvet Underground, Kinks, Garagenrock) nicht so durch wie sonst. Im Studio in Nashville unterstützen sie einige Free-Jazz-Musiker der New Yorker Szene (Roy Campbell/Trompete; Daniel Carter/Saxofon und Flöte; Sabir Mateen/Saxofon und Flöte; William Parker/Bass), die sich bei aller Lust an der Improvisation dennoch so weit zu zügeln wissen, dass die Vorzüge, die der freien Form innewohnen
können, noch zum Tragen kommen, ohne dass die melodiegetränkten Songs bis zur Unkenntlichkeit zerfransen.
Die Stücke bewegen sich zwischen Melancholie (die nie kraftlos daherkommt) und verhaltenem Optimismus; die leicht unwirkliche Stimmung, die das Cover mit den verwischten Gestalten vor einem fahlen Himmel evoziert, wird auch in manchen Songs aufgegriffen, die dennoch nie diffus verplätschern. Summer Sun endet mit einem gar nicht sommerlichen Titel, einer fragil-flüchtigen Interpretation des Alex-Chilton-Klassikers „Take care". Der Herbst kann kommen.


Julius Philipp Sauer, UNIVERSITAS.


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DVDs

The Miles Davis Story (DVD/Sony)

 

Wer sich einen kompakten Überblick über das Schaffen eines der bedeutendsten Jazzmusiker des 20. Jahrhunderts machen möchte, ist mit der DVD „The Miles Davis Story" bestens bedient. Von den musikalischen Anfängen über Bebop, „Birth of the cool", den improvisierten Soundtrack zu Louis Malles Filmklassiker „Fahrstuhl zum Schafott", „Sketches of Spain", die Quintette in den fünfziger und sechziger Jahren bis hin zu den elektronischen und Free-Jazz-Ausflügen und dem „Popmusiker" in den Achtzigern wird eine Musikerbiografie erzählt, in der die Karrierestationen im Vordergrund stehen, Privates jedoch nicht zu kurz kommt. Für Einsteiger perfekt, aber auch echte Miles-Davis-Jünger werden sich an manch rarer Konzert- oder Session-aufnahme erfreuen.


Dirk Katzschmann, UNIVERSITAS.

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Konzerte


Kristofer Aström & The Rainaways Live

Der schwedische Singer/Songriter, der mit seinem Album "Northern Blues" gewissermaßen ein eigenes Genre geschaffen hat, kommt wieder. Diesmal mit Band.


09.04.08 DE Bremen, Römer
10.04.08 DE Bielefeld, Forum
11.04.08 DE Hannover, Café Glocksee
12.04.08 DE Bonn, Harmonie WDR
13.04.08 DE Karlsruhe, Jubez
14.04.08 DE Wiesbaden, Schlachthof
16.04.08 DE Heidelberg, Karlstorbahnhof
17.04.08 DE Freiburg, Mensabar
19.04.08 CH Solothurn, Kopfmehl
21.04.08 AT Wien, Chelsea
22.04.08 DE München, Atomic Café
23.04.08 AT St. Pölten, Cinema Paradiso
24.04.08 DE Dresden, Beatpol
25.04.08 DE Marburg, KFZ
26.04.08 DE Magdeburg, Projekt 7
27.04.08 DE Berlin, Kino Babylon
29.04.08 DE Hamburg, Knust
30.04.08 DE Kiel, Weltruf

Informationen findet ihr unter: http://www.rewika-promotion.de/artists/kristofer-astroem-tour/

Booking:
http://www.2fortheroad.de

Aktuelles Album:
Rainaway Town (Startracks/Universal)
VÖ: 18.04.2007

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Christian Kjellvander

Zudem kommt der aus Schweden stammende Singer/Songwriter Christian Kjellvander - sein Labelboss Fredrik Holmgren vergleicht das aktuelle Album "I Saw Her From Here / I Saw Here From Her" mit der leider nicht mehr zustande gekommenen Kolloboration von Townes Van Zandt und Steve Shelley von Sonic Youth. Und er hat Recht. So dunkel und gleichzeitig majestätisch funkelnd wie jenes , hätte auch dieses klingen können.

21.02.08 DE Kiel, Weltruf
22.02.08 DE Rostock, Mau Club
23.02.08 DE Höxter-Albaxen, Tonenburg
24.02.08 DE Dresden, Starclub
25.02.08 DE Berlin, Kino Babylon
26.02.08 DE Hamburg, Knust
27.02.08 DE Erlangen, E-Werk
28.02.08 DE Heidelberg, Karlstorbahnhof
29.02.08 DE München, 59:1
01.03.08 AT Innsbruck, Bierstindl
02.03.08 AT Wien, Chelsea
03.03.08 AT Graz, PPC
06.03.08 CH Bern, ISC
07.03.08 DE Freiburg, White Rabbit
08.03.08 DE Wiesbaden, Schlachthof
09.03.08 DE Fulda, Kulturkeller



 

S. Hirzel Verlag